• Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Kicken im Käfig : Auf Boatengs Spuren in Wedding

23.06.2010 09:57 Uhrvon
Bolzkäfig am Panke-KanalBild vergrößern
Bolzkäfig am Panke-Kanal - Foto: Uwe Schwarz

Profi Kevin-Prince Boateng kickte als Siebenjähriger in Gummistiefeln auf einem Weddinger Bolzplatz, bis ihn ein Jugendtrainer von Hertha BSC entdeckte. Jeder kennt hier seine Geschichte.

Die Jungs kommen jeden Abend her. Manche in einfachen Sneakers, andere in richtigen Fußballschuhen. Und sie bringen Fußbälle mit. Fünf davon liegen, ziemlich abgewetzt, in einer Ecke des umgitterten Bolzplatzes. Mit dem sechsten wird gerade ein Turnier ausgespielt. Geschickt umläuft der flinke Can seinen Gegner, dann bringt der 15-Jährige den Ball mit einem kräftigen Schuss ins netzlose Tor. Die Kumpels klopfen Can anerkennend auf die Schulter. „Gut gemacht, Alter!“

Nicht viel anders wird es hier vor gut 15 Jahren gewesen sein, als Kevin-Prince Boateng abends in diesem Bolzkäfig am Panke-Kanal in Wedding mit seinen Freunden kickt.

Sicherlich sind die Kletterpflanzen am Gitter damals noch nicht ganz so hoch. Und das Nylonnetz, das Kevin-Prince zusammen mit seinen Freunden über den Platz gespannt hat, damit der Ball nicht immer wieder rausfliegt, hat noch nicht so viele Löcher. Doch auch „der Prince“, wie ihn die Jungs heute nennen, verbringt hier fast jeden Abend. Bis ihn ein Jugendtrainer von Hertha BSC im Alter von sieben Jahren auf diesem Platz entdeckt – beim Kicken in Gummistiefeln.

Auch Can, Abdullah, Emre und die anderen rund 20 Jungen überwiegend türkischer und arabischer Herkunft haben früher mal von so einer Chance geträumt. Heute sagen sie: „Spaß macht es auch so. Und den Ball treten ist besser als sich prügeln.“ Sie sind zwischen zehn und 25 Jahre alt. Viele von ihnen gehen auf die nahe Wilhelm-Hauff-Grundschule, in die auch der „Prince“ ging und wo heute noch viele Poster von ihm in der PCB-verseuchten, geschlossenen Turnhalle hängen. Einige Jungen besuchen das Diesterweg-Gymnasium, andere, wie der angehende Bürokaufmann Emre, freuen sich auf den Beginn ihrer Ausbildung. Und dann gibt es auch noch die, die – „bloß im Moment, Alter!“ – von Stütze leben. Trotzdem – wie eine Brutstätte für „Ghetto-Kids“ wirkt dieser, von der sportlichen Energie der jungen Spieler aufgeladene Platz nicht. Trotz der großen Probleme im Kiez aufgrund der hohen Arbeitslosigkeits- und Kriminalitätsrate blicken viele der jungen Augenpaare intelligent und hoffnungsvoll, nicht leer und gebrochen.

Dennoch wird die Geschichte vom „Bad Guy“ Kevin-Prince Boateng (23) aus dem rauen Wedding und seinem Halbbruder, dem „Good Guy“ Jerome (21) aus dem bürgerlichen Wilmersdorf gern erzählt. Von den beiden Brüdern, die heute Abend möglicherweise im WM-Spiel Ghana gegen Deutschland aufeinandertreffen – auch wenn es wahrscheinlicher ist, dass Jerome auf der deutschen Ersatzbank sitzen bleibt, während Kevin-Prince für Ghana eingesetzt wird. Es ist eine Schwarz-Weiß-Geschichte, wie sie die Boulevardpresse liebt – besonders nach dem Foul von Kevin-Prince an Michael Ballack, das den deutschen Mannschaftskapitän die WM-Teilnahme kostete.

Jeder hat eine andere Geschichte über Boateng parat

Als Kevin-Prince und sein älterer Bruder George, der heute beim Nordberliner SC in der Berlin-Liga spielt, noch klein sind, verlässt ihr ghanaischer Vater ihre deutsche Mutter. Sie wachsen in einem weißen Hochhaus an der Schwedenstraße auf, das mit seiner seltsamen Architektur wie ein gestrandeter Wal oder ein aus der Zeit gefallenes Luftschiff wirkt. Es ist eine Kindheit zwischen Dönerbuden, Teppichläden, Spielcasinos und Ramschläden. Und zwischen Schule und Bolzplatz. Vater Boateng hat mit einer anderen Frau, einer Stewardess, ein weiteres Kind, Jerome. Der Junge wächst in Wilmersdorf bei seiner Mutter recht behütet auf. Während Kevin-Prince, der sich mit seinen zahlreichen Tattoos und den dicken Autos im Laufe seiner Karriere zeitweise selbst gern als ein zu Erfolg gekommenes „Ghetto-Kid“ gibt, eher durch seine unangepasste Art auffällt, gilt sein Bruder Jerome als pflegeleicht und zurückhaltend.

Doch viele, die Kevin-Prince gut kennen, halten das für ein Klischee. Thomas Amponsah, der in der Schwedenstraße einen Afroshop betreibt und den Vater der Boateng-Brüder sogar noch aus seiner ghanaischen Heimatstadt Sunyani kennt, spricht von Kevin als einem Jungen, „der nie Ärger gemacht hat“. Und auch Wolfgang Bleimling, drei Jahre lang Klassenlehrer von Kevin-Prince, verteidigt seinen ehemaligen Schüler: „Kevin war ein sehr lieber, bescheidener und stiller Junge. Erst als er mit 18 plötzlich so viel Geld hatte, hat er das rechte Maß verloren“, sagt Bleimling. Der Mann mit dem freundlichen Lächeln glaubt, dass es dem Jungen an einer männlichen Leitfigur gefehlt und an falschen Beratern nicht gemangelt hat.

Auch die Jungs am Bolzplatz haben fast jeder eine Geschichte über den „Prince“ zu erzählen. Wie er in seinem neuen Lamborghini durch ihren Kiez gefahren ist. Aber auch, wie er als Junge oft seine Großmutter, „eine zarte, liebe Frau“, besuchte. Welcher der beiden Mannschaften sie beim heutigen Spiel die Daumen drücken sollen, ist für die meisten Jungen eine schwierige Entscheidung. Nicht weil sie zwischen den beiden Boatengs wählen müssen. Sondern zwischen ihrem Idol, dem „Prince“, und dem, was ihnen mindestens ebenso viel bedeutet: „Heimat“ sagt der 15-jährige Abdullah stolz dazu. Dann flitzt er schnell in die Ecke und holt sich einen Ball.

25 Jahre Mauerfall

Mauerfall

Der Mauerfall jährt sich zum 25. Mal. Wie haben die Berliner den Mauerfall erlebt? Und was ist am 9.11.1989 genau passiert? Der Tagesspiegel berichtet über das historische Ereignis.

Folgen Sie unserer Berlinredaktion auf Twitter:

Tanja Buntrock:
Karin Christmann:


Robert Ide:


Sigrid Kneist:


Anke Myrrhe:


Hier twittert die Stadtleben-Redaktion des Tagesspiegels. Tipps und Trends, Themen und Termine - alles, was die Stadt bewegt:



Machen Sie mit und verlinken Sie Ihre morgendlichen Fotos mit dem Hashtag #gmberlin. Oder schicken Sie Ihre Fotos wie gewohnt an leserbilder@tagesspiegel.de! Wir freuen uns auf Ihre Bilder!


Die ersten Ergebnisse sehen Sie in unserer Fotostrecke.


Tagesspiegel lokal

Kreuzberg Blog

Berlin ist Kreuzberg. Und umgekehrt. Kaum ein anderer Berliner Bezirk wird so stark mit der Hauptstadt in Verbindung gebracht wie Kreuzberg. Was die Kreuzberger bewegt, viele Kiezgeschichten und Meinungen lesen Sie im hyperlokalen Projekt des Tagesspiegels.
Zum Kreuzberg Blog


Ku'damm-Blog

Alle reden vom neuen Aufschwung am berühmten Berliner Kurfürstendamm. Wir zeigen die Fortschritte, aber auch Schattenseiten der Entwicklung in der westlichen Innenstadt und stellen die Menschen dort vor. Machen Sie mit beim Ku'damm-Blog!
Zum Ku'damm-Blog


Wedding Blog

Der Wedding lebt. Nur wie? Finden wir es heraus, gemeinsam. Wir: die Leser und die Journalisten des Tagesspiegels. Wir schreiben: Ein Blog über den Wedding. Den alten. Den neuen. Den guten. Den schlechten. Und den dazwischen. Früher Bezirk, bis heute Ereignis. Machen Sie mit beim Wedding Blog!
Zum Wedding Blog


Zehlendorf Blog

Zehlendorf – fein, langweilig, reich? Denkste! Wir hinterfragen gemeinsam mit Jugendlichen, Erwachsenen, Prominenten Klischees und schreiben spannende Geschichten aus dem Stadtteil: über Menschen, lokale Politik und ein Lebensgefühl mit Wasser und Wald. Schreiben Sie mit am Zehlendorf Blog!
Zum Zehlendorf Blog

Umfrage

Michael Müller wird neuer Regierender Bürgermeister von Berlin. Eine gute Wahl?

Service

Empfehlungen bei Facebook

Nachrichten aus den Bezirken

Weitere Themen

Der Tagesspiegel im Sozialen Netz

Veranstaltungen im Tagesspiegel

In unserem Verlagsgebäude finden regelmäßig Salons, Vorträge und Debatten statt, zu denen wir Sie herzlich einladen.
Unser HTML/CSS Widget (statisch)

Erleben sie mit tagesspiegel.de die ganz besonderen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung. Hier können Sie sich Ihre Tickets zum Aktionspreis sichern.

Weitere Tickets...