Berlin : Kicken ohne Knöllchen

Als der Berliner Fußballverband vor dem Reichstag anrückte, kam die Polizei – und blieb ruhig

André Görke

„Mensch, so geht’s wirklich nicht!“ schimpft Otto Höhne, „kaputten Rasen können wir reparieren, ’ne kaputte Jugend nicht. Wir müssen dann Gefängnisse bauen und …“ Der Präsident des Berliner Fußballverbandes war erregt, er redete und redete und hörte erst auf, als ihm die Stadträtin des Bezirks Mitte, Dorothee Dubrau, hart ins Wort fiel. „Wir reden doch bitte schön von den Fußballern vor dem Reichstag, Herr Höhne, oder?“

Sonntagmittag, Treffpunkt vor dem Reichstag. „High Noon Soccer“ hatte der BFV diesen Termin genannt und seinen Vorstand im Kollektiv auf die Wiese geschickt zu den Fußballern. „Zur Unterstützung, weil wir empört sind“, sagt Höhne. Fußballspielen ist auf der Grünfläche verboten. 50 Euro Bußgeld sollen Fußballspieler zahlen, wenn sie sich nicht daran halten. Knöllchen haben die Polizisten bislang nicht geschrieben. Und auch gestern blieb es bei einer Ermahnung.

Die Wiese sieht schlimm aus, sie ist an wenigen Stellen grün, an vielen braun, und sehr oft ist vom Gras nichts mehr zu sehen. „Das liegt daran, weil niemand sprengt“, sagen die Freizeitfußballer vom Team „Cosmos Berlin“. Der Rasen ist hart, ausgetrocknet, und wer länger Fußball spielt, dem tun mächtig die Knochen weh. „Alternativen gibt’s nicht“, sagt Gorden Haberla, einer der Spieler von „Cosmos Berlin“. „Wir haben einen Platz beantragt, aber keinen bekommen. Im Tiergarten können wir nicht spielen, der ist überfüllt. Außerdem spiele ich seit Anfang der Neunziger Jahre hier Fußball.“ Bis zum Winter soll jetzt ein Fußballplatz am Spreebogen gebaut werden. Drei Kilometer weiter, in Wedding, wird ein anderer 2004 eröffnet.

Neben „Cosmos Berlin“ kickt auch die Mannschaft von „Lok Reichstag“ hier. Hobbykicker sind sie, aber verdammt professionell ausgerüstet. Haberla, ein 33-jähriger Mann aus der Software-Branche, trägt wie seine Kollegen ein blauweißes Trikot, Adidas-Schuhe, Modell „Kaiser 5“. „Das sind Noppenschuhe,“ sagt er. „Damit mache ich den Rasen nicht kaputt.“ Noppen sind aus Gummi. Frau Dubrau, die Bezirksstadträtin, spricht von „Stollenschuhen“, die wären aus Aluminium, bis zu 16 Millimeter lang, und damit könnten sich Fußballer auf der trockenen Wiese nicht bewegen. Das wäre wie auf Stelzen laufen.

Dubrau hat nicht ganz Unrecht, wenn sie von „Intensivsport“ spricht. „Wenn ein Papa mit seinem kleinen Sohn kickt, dann ist das kein Problem“, sagt sie. 96 Prozent würden die Wiese „normal“ nutzen, die anderen vier Prozent würden die Wiese kaputt machen. „Mountainbiker, Skater haben hier nichts zu suchen“, sagt sie. „Ich habe hunderte Briefe erhalten“, die Bürger hätten sich beschwert. Ihr Kollege, Heinz Biedermann vom Grünflächenamt, nennt das Erscheinen des BFV-Vorstandes „eine einzige Provokation“. Er sagt: „Der Bund wollte sich nicht um den Rasen kümmern, jetzt müssen wir das machen. Und weil einige Herren des Bundes die Fußballer nun toll finden, haben wir die Arschkarte.“ Nach einer Stunde greifen vier Polizisten ein, sie reden mit den Spielern, dann gehen diese. Am 1. Juni findet vor dem Reichstag der ökumenische Schlussgottesdienst des Kirchentages statt. Mit tausenden Menschen. Der Rasen wird noch schlechter aussehen.

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