Berlin : Kidnapping: Keine Spur von Sophias Entführer

Werner Schmidt

Von dem Entführer der neun Jahre alten Sophia fehlt noch immer jede Spur. Der Unbekannte, der das Kind vier Tage in seiner Gewalt gehabt haben soll, hat sich an dem Mädchen nicht sexuell vergangen. Das ergab gestern die medizinische Untersuchung, sagte ein Polizeisprecher. Inzwischen gibt es auch Stimmen, die Zweifel an der Schilderung des Mädchens äußern.

Die in der Sonderkommission "Sophia" zusammengezogenen rund 30 Kriminalbeamten äußern allerdings nichts Derartiges: Sie suchen weiter nach einem Unbekannten, der "als Sexualtäter aufgetreten ist und das Kind entführt hat", sagt ein Ermittler. Eine Psychologin, die bei den ersten Befragungen von Sophia am Montag anwesend war, habe die Schilderungen des Mädchens als stimmig und realistisch eingestuft, hieß es von anderer Seite. Polizeipräsident Hagen Saberschinsky hatte am Montag die Möglichkeit, dass sich Sophia alles ausgedacht habe, als gering eingestuft.

Saberschinsky beschrieb außerdem den Zustand der Schülerin als stabil und gefestigt. Am Abend gab es im Hause Wendt eine große Feier für das wohlbehalten heimgekehrte Kind, das dabei einen lockeren und gelösten Eindruck machte, vor Journalisten und Fernsehkameras fröhlich tanzte und lachte, als sei nichts geschehen. Als normale Übersprung- und Verdrängungshandlungen habe dies eine Psychologin bezeichnet, hieß es dazu in Polizeikreisen. Allerdings löste das von den Erlebnissen der zurückliegenden Tage völlig unbeschwerte Auftreten von Sophia in einigen Teilen der Polizei auch "Unbehagen" aus: "Ich persönlich halte das nicht für normal", sagte ein sehr erfahrener Beamter.

Immer wieder musste Sophia ihre Erlebnisse in die Mikrofone der Journalisten berichten. Selbst gestern Vormittag, als die Kripo-Ermittler das Kind zur ärztlichen Untersuchung abholten, saßen wieder zwei Fernsehteams am Frühstückstisch der Familie Wendt. Dass das Kind dabei auch Dinge berichtete, die die Fahnder als sogenanntes Täterwissen lieber für sich behalten hätten, blieb nicht aus: "Die Ermittlungstätigkeiten sind dadurch ins Hintertreffen geraten", klagte ein Beamter. Zwar habe man Sophias Eltern darum gebeten, das Kind aus der "publizistischen Schusslinie" zu halten, allerdings vergeblich. Dafür bringen die Kripo-Ermittler umso weniger Verständnis auf, als Sophias Stiefvater selbst Polizist ist.

Die erneute Befragung des Kindes blieb gestern fruchtlos. Eine geplante Ausfahrt mit Sophia, um möglicherweise heraus zu finden, wohin sie der Täter verschleppt hatte, musste verschoben werden. Das Kind war zur vorgesehenen Zeit mit verschiedenen Journalisten bereits zu Interviews verabredet.

Wie berichtet, hatte Sophia nach ihrer Freilassung berichtet, sie sei am Donnerstag vergangener Woche auf dem Weg vom Schulhort nach Hause nur etwa 80 Meter vor dem Haus ihrer Eltern am Klüsserather Weg von einem Mann verschleppt worden. Dieser habe sie umfasst, ihr den Mund zugehalten und ihr gedroht, wenn sie schreie, ziehe er sein Messer. Daraufhin sei sie in ein Auto gezerrt und in eine Wohnung in einem Plattenbau gebracht worden. Dort wurde sie nach ihren Worten festgehalten, wurde verpflegt und durfte fernsehen. Sie verfolgte die Suche der Polizei und die Appelle ihrer Eltern an den Entführer, habe allerdings nichts gehört, weil ihr der Täter Kopfhörer aufgesetzt habe. Am Montag habe der Unbekannte sie mit dem Auto zur Cecilienstraße in Marzahn gefahren, etwa einen Kilometer Luftlinie von dem Ort entfernt, an dem Sophia verschleppt worden war, und habe sie ausgesetzt. Das Kind meldete sich gegen 7.30 Uhr in einer Polizeiwache.

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