Berlin : Kidnapping: Sophias Entführung war keine Ersttat

Katja Füchsel

Die Geständnisse kommen etappenweise. Fünf Wochen nach seiner Festnahme hat der Entführer von Sophia Wendt jetzt zugegeben, bereits im Juni 1997 ein zehnjähriges Mädchen aus Hellersdorf gewaltsam verschleppt, zweimal sexuell missbraucht und nach einem Tag wieder freigelassen zu haben. Dass mit dem neuen Geständnis jetzt die ganze Wahrheit ans Licht gekommen ist, glauben die Ermittler allerdings nicht. "Es besteht der Verdacht, dass der Mann noch weitere ähnliche Taten begangen hat", sagt Justizsprecher Sascha Daue.

Die Wahl seiner Opfer trifft der 36-jährige Berto Borsch offenbar zufällig. Private Gründe hatten ihn am Spätnachmittag des 4. Januar in den Klüsserather Weg geführt, als ihm hier die neunjährige Sophia Wendt begegnete. Das Mädchen kam gerade vom Schulhort und wollte nach Hause. Rund 80 Meter vor ihrem Elternhaus packte der Entführer das völlig überraschte Kind, schleppte es erst in seinen BMW, dann in seine Wohnung in der Suhler Straße, rund zehn Autominuten vom Tatort entfernt. Die Polizei rechnete schon Stunden nach der Entführung mit dem Schlimmsten, doch der Täter setzte das Mädchen nach drei Tagen Gefangenschaft unversehrt in der Nähe eines Polizeiabschnitt aus.

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Bei der kleinen Hellersdorferin ging Borsch im Juni 1997 offenbar nach ähnlichem Muster vor: Auch die Zehnjährige war auf dem Weg nach Hause, als sie von dem Fremden ins Auto gezerrt wurde. Rund 24 Stunden hielt er das Kind im dritten Stock desselben Mietshauses fest, dann setzte er das Mädchen in unmittelbarer Nähe ihres Elternhauses ab. Nach Angaben des Justizsprechers hatte er sein Opfer zweimal sexuell missbraucht. Als dann Sophia Wendt im vergangenen Januar verschwand, war das Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt bereits eingestellt.

Sophias genaue Beschreibung zum Haus und der Wohnung führten schon wenige Tage nach ihrer Entführung auf die Spur von Berto Borsch. Der Mann aus Brandenburg war für die Polizei ein unbeschriebenes Blatt. Er gestand die Entführung und gab zu, dass er insgesamt sechs Mal versucht habe, sich an Sophia Wendt sexuell zu vergehen. Ungeklärt ist, was den Entführer letztlich von seinem Vorhaben abgebracht hat: Im Gegensatz zu der Hellersdorfer Schülerin kam Sophia offenbar mit einem Schrecken davon. Der Polizei sagte die Schülerin, sie habe während der drei Tage ferngesehen und mit dem Täter "Mensch ärgere dich nicht" gespielt.

Offenbar gesteht Berto Borsch nur, was sich schwer bestreiten lässt. Nach seiner Festnahme hatten die Ermittler von der neunten Mordkommission schnell den Verdacht, dass es vor Sophia bereits andere Opfer gegeben haben könnte. Doch Borsch schwieg - bis die Polizei in ihren Akten auf die Entführung der Zehnjährigen stieß. "Nachdem ihm der konkrete Fall vorgehalten wurde, hat er gestanden", sagt Daue. Auch die Hellersdorfer Schülerin haben die Ermittler inzwischen noch einmal befragt. Zwischen ihrer Aussage und dem Geständnis seien keine Widersprüche aufgetaucht, sagt Daue. "Die Tat steht fest."

Ende Januar versuchte Borsch, sich in der Untersuchungshaft zu erhängen. Der 36-Jährige war von einem Wärter rechtzeitig gefunden und gerettet worden. Schon bei seiner Festnahme am 12. Januar machten die Gerüchte von einem Selbstmordversuch die Runde. Statt einer Überdosis Tabletten hatte Borsch aber nur harmlose Antidepressiva geschluckt.

Der 36-Jährige gilt bei den Ermittlern nach wie vor alles andere als gesprächig. Zu seinen Lebensgewohnheiten und Kontakten hat er sich ausgeschwiegen. Als Borsch am 12. Januar festgenommen wurde, absolvierte der gelernte Schlosser in Treptow eine Umschulung zum Hausmeister. Jetzt sucht die Polizei nach Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen, die Verdächtiges beobachtet haben und zur Klärung weiterer Fälle beitragen könnten. Hinweise nimmt die Polizei unter 699 32 717 entgegen.

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