Kiezversammlung in Friedrichshain : Krach am Lenbachplatz

Lärm, Dreck, Touristen - Mieten zu teuer, Bier zu billig: Auf einer Versammlung am Ostkreuz machten Friedrichshainer Bewohner ihrem Ärger Luft. Es ging um die kleinen und großen Alltagsprobleme. Eine Kiezstudie.

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Wie lebt es sich am Verkehrsknotenpunkt Ostkreuz in Friedrichshain? Am Dienstagabend sind die Anwohner zur Kiezversammlung eingeladen. Es soll um den Wandel im Kiez gehen - um den Bahnhofsumbau, den Tourismus und alles, was dazu gehört. Als Anwohner und S-Bahn-Kunde weiß man: Wenn es mal gerade nicht brennt...Weitere Bilder anzeigen
Foto: Laura Stresing
24.05.2011 17:23Wie lebt es sich am Verkehrsknotenpunkt Ostkreuz in Friedrichshain? Am Dienstagabend sind die Anwohner zur Kiezversammlung...

Friedrichshain hat jetzt auch eine Admiralbrücke. Die Brücke ist ein Platz, heißt im Volksmund Lenbachplatz und liegt im Travekiez, direkt am Ostkreuz. Nachts tummeln sich hier die Partygänger, Picknicker, Klampfenspieler, ab und zu auch mal die Raver. Wenn es hell wird, kommen die Flaschensammler und beginnen ihren Streifzug zwischen den Schnapsleichen.

Der Lenbachplatz war das Lieblingsthema der Ostkreuz-Anwohner bei der Kiezversammlung, zu der Bürgerinitiativen und Stadtverwaltung am Dienstagabend eingeladen hatten. Darauf waren die Podiumsgäste nicht vorbereitet. Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) fing von den Mieten an. Stadtrat Peter Beckers (SPD) sprach von der Aufwertung des Quartiers. Schulz erinnerte an die erfolgreichen Clearing-Gespräche in der Simon-Dach-Straße. Becker hat Zahlen mitgebracht, die sagen: Alles halb so wild.

Beide sind ihrer Zeit hinterher. Statt der vermuteten zahlenmäßigen „Explosion“ in den Gastronomiebetrieben flog den beiden Stadt-Vertretern etwas ganz anderes um die Ohren.

Die Kneipen sind nicht das Problem, sagen die Bürger. Es ist der Platz, den die Stadt gebaut hat. Die Kombination mit der Sonntagstraße, in der es allein vier Spätkäufe gibt, macht ihn zur Problemecke. In den Spätis kaufen sich "die Assis" - so heißt es in der Versammlung - ihr Bier. „Für 50 Cent!“ ruft eine Frau. Da ist er wieder, der freie Markt, der nichts geregelt kriegt. Die Mieten sind zu teuer, das Bier ist zu billig.

Nachts wird es laut auf dem Platz. Am Wochenende quellen die Mülleimer über. Die Straßen und Gehwege sind übersät mit Glasscherben. Die Mieten, der Lärm, der Dreck, die Touristen - das sind alles keine neuen Themen. Am Lenbachplatz kommt aber alles zusammen.

Früher war das nicht so, sagen die Leute. "Früher", das heißt: vor 2008, bevor der Platz "verschönert" wurde. Erst mit dem schönen Platz kamen die "Assis". Die "Assis" machten den Platz wiederum weniger schön. Und seither kommen die "Assis" erst recht. Ein Teufelskreis. 

Wo kommen sie her, diese "Assis"? Die Friedrichshainer haben da einige Theorien. Schuld ist der Liberalismus, der Schlendrian, das Laissez-faire im Kiez. Oder waren es doch die Anwälte? Warum die genannt wurden, blieb das Rätsel des Abends. 

Jetzt ist jedenfalls Schluss mit dem Lotterleben. Schluss mit dem Party-Asyl für die Jungberliner aus den Randbezirken. Schluss mit klappernden Hackenporsches (Rollkoffer) auf dem unebenen Asphalt.

Schärfere Kontrollen will man, weniger Anarchie, mehr soziale und politische Kontrolle. In London gibt es überall Kameras - und keine Hundehaufen, weiß eine Frau.

Noch mehr Kontrolle? Torsten Loos, Betriebsleiter des AO-Hostels in der Boxhagener Straße, berichtet, wie man in seinem Haus "versucht", die Besucher unter Kontrolle zu kriegen – mit verschlossenen Fenstern und Armbändchen, um die Minderjährigen zu kennzeichnen. Manches klingt schon mehr nach Jugendknast denn nach Jugendfreizeit. Doch man tut, was man kann, um den Nachbarn das Leben nicht allzu sehr zur Hölle zu machen. Sobald sie vom Gelände sind, machen die Kids ja doch, was sie wollen. Das sehen auch die Versammelten ein.  

Es hat was von einem Ritual, wie die Bewohner ans Mikrofon treten. Dann entschuldigen sie sich zuerst für das, was sie sind: 68er-Jahrgang, Steuerberater, Mutter, Kneipenbesitzer, Hostel-Betreiber, Autofahrer. Sie berichten, was sie persönlich bekümmert und was sie von der Stadtverwaltung erwarten.

Es sollte eine Auftaktveranstaltung werden, ein Hineinhorchen in die Menge. Ein runder Tisch wird die bürgernahe Arbeit im Stadtteil später fortsetzen. Leicht wird das nicht.

Friedrichshain ist ein bunter Bezirk. Da ist das mit dem Bürgerwillen nicht so einfach. Da sind die, die gerne mal bis um vier Uhr morgens noch vor der Kneipe sitzen wollen. Da sind die, die am nächsten Tag arbeiten müssen. Der mit dem Auto hätte gerne, dass er direkt vor seinem Haus auch noch einen Parkplatz findet. Schließlich zahlt er dafür Steuern.

Sogar ein Prenzlberger solidarisiert sich mit den Kiezgeplagten. Er betreibt seine Kneipe in F-Hain, zieht es aber vor, mit seiner Familie in Pankow zu leben. Denn nie, niemals würde er seinem einjährigen Sohn zumuten, in diesem schlimmen Viertel aufzuwachsen, sagt er.

Friedrichshain ist auch wirklich zum Fürchten. Hier gibt es Bars, Sterni-Bier, Imbissbuden, jede Menge Dreck, Hundekot - und eben "Assis". Nur Polizisten gibt es hier nicht. Keine Kontrolle. Die reinste Anarchie! Und überhaupt: Dieses sagenumwobene Ordnungsamt habe man hier noch nie gesichtet. Das sei wie das Ungeheuer von Loch Ness.

Man möchte dieses Ungeheuer gerne anrufen und herbestellen, denn die Situation ist bedenklich.

"Friedrichshain ist der Anarcho-Bezirk schlechthin", sagt einer. Er weiß auch warum: "Wir haben es ihnen ja vorgelebt. Wir haben das produziert, was wir jetzt kritisieren." - "Ich nicht", ruft eine Stimme aus der Ecke. Zum Glück, es gibt sie noch, die anständigen Leute.

Reiseveranstalter fürchten, dass die anhaltende Diskussion um den Massentourismus dem Image der Stadt schaden könnte. Die Diskussion in Friedrichshain aber zeigt: Man ist längst einen Schritt weiter, rückt ab vom "Touristen-Bashing", übt Selbstkritik und gibt zu: Man hat Fehler in der Erziehung gemacht. Kreuzberger und Friedrichshainer sind keine schlechten Gastgeber. Sie sind schlechte Eltern.

Vielleicht hat man deshalb jahrelang versäumt, in Kitas statt in den Tourismus zu investieren. Diese Plätze fehlen jetzt, beschwert sich eine junge Frau. Aber während sich Konrad Adenauer sicher war, dass die Leute immer Kinder bekommen würden, meinte die Stadt Berlin über die Jahre heraus: Wir bekommen nur Touristen. Das ist immerhin etwas. Touristen haben sowieso mehr Kaufkraft als Kinder. Aber jetzt, so langsam, werden es doch ein bisschen viele. Auf fast drei Millionen Übernachtungen im Jahr bringt es der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg inzwischen. Das überfordert sowohl die Stadt als auch die Bürger.

Beckers schiebt die Beschwerden über den verdreckten Lenbachplatz als Luxus-Problem beiseite: So schlimm sieht es hier doch gar nicht aus, sagt er. Er erntet Gemurre. Man möchte doch gerne einmal ein ernstes Wörtchen mit der BSR wechseln. Die lässt sich nämlich an Ostern auch mal fünf Tage lang am Stück nicht im Kiez blicken. Diskussionsleiter Werner Oehlert verspricht, die Damen und Herren von der BSR zum nächsten Runden Tisch einzuladen.

Ordnungsamtsleiter Peter Beckers verspricht jedenfalls schon mal, in Sachen Hundekot an den Stellschrauben zu drehen. "Wenn Sie das möchten, dann werden wir Schwerpunktgebiete bilden", sagte er. Dann können Mitarbeiter des Ordnungsamtes verstärkt in der Gegend am Ostkreuz eingesetzt werden. Die werden dann natürlich anderswo fehlen, aber - Schulterzucken - "wenn Sie das sagen…"

Es ist nicht so einfach mit dem Bürgerwillen.

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