Berlin : Killer und Kuscheltierchen

In der Untersuchungshaftanstalt Kieferngrund warten junge Straftäter auf ihren Prozess. Viele von ihnen lernen hier erstmals, dass es Grenzen gibt

Pieke Biermann

Schrank, Regal, Tisch, Stuhl, Bett“, zählt Frau Cienskowski auf. „Unterhose auf der Heizung, Kritzeleien auf der Wand, und was uns hier erwartet“ – sie zieht die Tür zu einem Extraräumchen auf – „keine Ahnung.“ Ein Blick hinein. Aufatmen. Klo sauber, Zahnbürste und -pasta artig im Becher auf dem Waschbecken. Das gilt längst nicht für alle 80 Hafträume in der Jugenduntersuchungshaftanstalt Kieferngrund am Südrand von Berlin. Neun Quadratmeter Unfreiheit für junge Männer zwischen 14 und 18, die entweder sehr viele oder sehr schlimme Taten begangen haben und wegen Flucht- oder Verdunklungsgefahr hier auf ihren Prozess warten müssen. Neun Quadratmeter mit Gitterfenster und schwerer Metalltür, die hinter ihnen zugesperrt wird.

„Schön ist anders.“ Frau Cienskowski lässt den Schlüssel von außen ins Schloss gleiten. Jugendfreizeit mit Hotelkomfort ist das hier nicht. In Hotels riecht es im Allgemeinen auch besser. „Och, der Haftraum roch noch gut!“ Nicht nach pubertärem Testosteronüberschuss. Nicht nach Angst und emotionalem Elend, dem vorherrschenden Bukett. Nur schal. Auch würde kein Hotel der Welt so pingelig darauf achten, dass sich die schweren großen Schlüssel in den Schlössern drehen lassen wie warme Messer in Butter. Wenn hier mal was hakt, wird der Häftling sofort verlegt und das Schloss repariert. „Jemanden nicht schnell genug aus seinem Haftraum zu kriegen, wenn’s brennt, oder umgekehrt nicht schnell genug rein, wenn er draußen Ärger macht, das könnte dramatische Folgen haben!“

Frau Cienskowski ist diplomierte Sozialpädagogin und seit vier Jahren die eine der beiden Gruppenleiter für vier Wohngruppen, die die Häftlinge betreuen, vom Aufnahmegespräch bis zur Verlegung. Sie wusste schon nach der Ausbildung, dass sie nach Kieferngrund wollte. „Das ist meins!“ Hier wird prinzipiell gesiezt, und Vornamen des Personals sind tabu. Das bedeutet nonchalantes und gleichzeitig resolutes Reden. Und so bewegt sie sich auch zwischen den schweren Jungs, die oft einen Kopf größer sind, mit ihren dicken dunklen Locken und den schönen offenen braunen Augen. Flachst aufmunternd den einen an, macht dem andern kühl klar, dass sie seine Lügen durchschaut, und zitiert ihn in ihr Büro. Sie lässt keine Sekunde locker, sie hat jeden im Kopf, mit seinen Verfehlungen und Leistungen, mit seinen Tricks und seinen zarten Stellen. Am liebsten würde sie allen zum Abschied sagen: „Du schaffst das!“ Die allermeisten kommen ja wirklich nie wieder, aber manch einen kriegt man nicht mehr zurück in ein normales Leben oder überhaupt erst mal hinein. „Das magische dritte Auge muss immer offen sein. Gerade auch dann, wenn man glaubt, zu den Inhaftierten eine gute Beziehung aufgebaut zu haben.“ Dieser geht auch grundsätzlich vor, nie hinter einem. „Man darf sich nie darauf verlassen, dass man’s mit Kuscheltierchen zu tun hat!“

Eine emotional wie mental anstrengende Balance. Wärme und Strenge, manchmal sekundenschnell wechselnd. Jeden kleinsten positiven Umbruch rauskitzeln, jede kleinste Regelverletzung sofort und konsequent sanktionieren. Bei Jugendlichen soll die U-Haft nicht nur ein geordnetes Gerichtsverfahren sicherstellen, sie ist vor allem auf pädagogische Ziele verpflichtet. Oberste Maxime der Jugendjustiz ist, aus dem Ruder gelaufenen Kids dazu zu verhelfen, künftig ein straffreies, sozialverträgliches Leben zu führen. Die U-Haft ist zwar nur ein Zwischenstopp, längerfristig arbeiten lässt sich erst später in der Strafanstalt. Aber schon der Zwischenstopp kann kriminelle Dynamiken unterbrechen: Ein Segen für den jungen Menschen, der aus der Gewaltspirale rauskommt – und für die Gesellschaft, die vor ihm sicher ist.

Für den Häftling übersetzt sich das in klare Regeln und ein ständig von allen – Sozialpädagogen, Lehrern, Ausbildern, Sporterziehern wie Justizvollzugsbeamten – kontrolliertes Stufensystem. Die Stufen bestimmen, wie er hier drin seine Zeit verbringt. Bewertet werden Hygiene und Sauberkeit, Sozialverhalten gegenüber dem Personal und untereinander, Arbeitswille und -disziplin und „Vereinbarungsverlässlichkeit“. Bei Stufe 0 gibt’s nur die eine Pflichtfreistunde draußen, eine halbe drinnen und Anstaltskleidung, bei Stufe 1 eine zusätzliche Stunde Freizeit, bei Stufe 2 anderthalb und bei Stufe 3 drei Stunden. Freizeit heißt Aufschluss, beobachtetes Fernsehen im Flur der Wohngruppe, eigene Klamotten. Strikt verboten sind Drogen, Alkohol und Handys. Besuch gibt’s zweimal im Monat. Wer keine 16 ist, hat Schulpflicht, wer älter ist, muss arbeiten – als Putzmann des Gruppenflurs zum Beispiel. Tut er das nicht, muss er die Haftkosten zahlen. Wer sich gut einfügt, darf Tische abräumen im Speisesaal. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird runtergestuft und notfalls in den besonders gesicherten Haftraum auf der anderen Seite des Gebäudes gesperrt. Ohne Hörkontakt, allein mit einer Schaumgummimatratze. Von allem, was ein Häftling macht, erhalten seine Richter Kenntnis.

„Kuschelpädagogik“ vermutet da nur jemand, der nie eine solche Anstalt von innen gesehen hat. Aber wie kommt Frau Cienskowski auf „Kuscheltierchen“? Ausgerechnet in Kieferngrund, wo fast jeder sitzt, der als „Monster“ und „Killer“ Schlagzeilen machte? Medienpromis wie Keith, der einen Siebenjährigen erschlagen, Erol, der einen 23-Jährigen erstochen, Nidal alias „Mahmoud“, der Dutzende Gewalt- und Rohheitsdelikte begangen und dessen „Karriere“ Polizei und Staatsanwaltschaft animiert hat zum Aufbau der „Intensivtäterkartei“ und zur täterorientierten gemeinsamen Ermittlung. Etwa 500 solche Täter sind inzwischen aktenkundig. Viele von ihnen stammen aus den berüchtigten „libanesischen“ Familien. „Oh ja!“, lächelt Herr Akkad, und dazu blitzen seine Augen halb ironisch, halb kampflustig. „Die kennen wir hier als Generationen.“ Libanesen sind sie nicht, und schon gar nicht Palästinenser, die die „Flüchtlingslagerkultur des Überlebenskampfs“ lernen mussten. Sie sind, wie die Kripo-Spezialisten der „EG Ident“ in jahrelanger Puzzlearbeit nachgewiesen haben, arabischsprechende Kurden aus einem bestimmten Zipfel in der Südtürkei. Und man tritt ihnen nicht zu nahe mit der Feststellung, dass sie sich ausschließlich für die Ausübung krimineller Geschäfte interessieren, von Sozialhilfebetrug bis Drogenhandel und Kapitalverbrechen. Den Ehrgeiz etwa der italienischen, irischen, jüdischen Mafiamigranten Anfang des letzten Jahrhunderts in den USA, in der neuen Gesellschaft anzukommen und ihre Kindern „etwas Besseres“ werden zu lassen, haben sie nicht. In dieses Milieu wachsen ihre Kinder hinein. „Um die kümmert sich keiner“, sagt Akkad, „die erziehen sich selbst.“ Nach dem Muster der Erwachsenen, die auch keine Regeln akzeptieren außer den eigenen, bei denen sie lernen, dass Grenzziehung identisch ist mit Gewalt.

Herr Akkad ist gebürtiger Palästinenser, Muslim, seit 1971 in Berlin, approbierter Psychotherapeut mit Zusatzausbildung in Verhaltens- und Traumatherapie und seit 2001 Leiter dieser Anstalt. Dass er Arabisch spricht, ist nicht das einzige kommunikative Pfund, mit dem er wuchert. Kommuniziert wird hier ständig und quer durch alle Ebenen: bei der täglichen Mitarbeitersitzung, bei jeder Begegnung auf Fluren, Sportplätzen, im Speisesaal. Dass die Häftlinge gemeinsam mit ihren „Meistern"“ – so nennen sie die Vollzugsbeamten – und Erziehern essen, hat Akkad eingeführt. Anfangs gegen den Widerstand der Meister. „Wir bringen den Kindern Esskultur bei“, sagt er, ganz unironisch. „Das kennen sie nämlich nicht, Tischmanieren oder gemeinsam essen.“ So banal können Breschen sein und dennoch Welten eröffnen. Die Jungs, die früher auf den Fluren ihr Essen runtergeschlungen haben und auf die Meister losgegangen sind, wenn’s nicht geschmeckt hat oder zu wenig war, haben gelernt, sich mit dem Koch darüber zu verständigen oder Nachschlag zu holen. „Und wir können beim Essen ihr Sozialverhalten beobachten“, sagt Akkad, der wie die Gruppenleiter meistens kaum zum Essen kommt, weil ihm der eine Häftling strahlend zubrüllt, dass er eine Eins bekommen hat, der nächste irgendetwas fragt, dem dritten ein energischer Vortrag gehalten und dem vierten Trost oder Lob gespendet werden muss.

Selbstverständlich sitzen auch ethnisch deutsche und Straftäter aus dem Rest der Welt hier. Entwurzelt sind sie alle, Wurzeln haben sie höchstens in Parallelgesellschaften, aus denen niemand sie früh genug rausgeholt hat. Deutschland ist eben nicht Amerika. Es zieht seine Zuwanderer nicht rein, es stößt sie ab, mit vielen kleinen Gesten. „Letzte Woche kam ein Häftling zu mir und sagte ganz stolz: Herr Akkad, ich kann nichts dafür, ich bin ja unbeschulbar!“, erzählt der Chef, und wieder blitzen seine Augen. Er hat dem Jungen klargemacht, dass man darauf nicht stolz ist, sondern sich dafür schämt. „Er hat kein Wort gesagt. Und nun arbeitet er hervorragend mit, sagt der Lehrer.“ Attribute wie unbeschulbar oder hyperaktiv wegen ADS hält Akkad für Freibriefe. „Wenn Lehrer nicht dagegenhalten und solche Schüler schließlich von der Schule vertreiben, dann haben die gewonnen.“ Die Jungen verstecken sich dahinter, statt ihre Fehler zu begreifen und sich zu ändern. „So fangen Parallelgesellschaften an!“ Egal welcher Ethnie.

Vor ihrer Zeit in Kieferngrund haben zwar alle Jugendlichen schon sehr erwachsene Brutalität ausgeübt, manche sogar getötet, sie versuchen auch immer wieder, untereinander den wilden Kerl zu geben. Aber sie sind fast alle auch immer noch „Kuscheltierchen“, die weinend in ihren neun Quadratmetern sitzen, weil sie noch nie im Leben allein mit sich und „dem ganzen Scheiß, den ich gemacht hab“ gewesen sind. Und wenn man hört, wie oft „Habibi“ – Liebling auf Arabisch – durch die Flure schwirrt, und sieht, wie die supercoolen Machos mit Muskelhemd und Bushido-Platte ständig Körperkontakt suchen, dann wundert man sich, dass genau solche Jungs auch Schwule misshandeln. Dabei ist es ganz einfach. Es steckt beides in ihnen, und es kommt alles darauf an, was sich zum roten Faden ihres Lebens zwirbelt – das Zerstörerische oder das Vitale. Die meisten sind noch nicht fest verschraubt im Gewaltgewinde, aus dem sie kommen. In Kieferngrund werden sie in die Gegenrichtung gedreht. Mikrometer für Mikrometer. „Gerade“, sagt Herr Akkad, „führen wir ein, dass nur noch Deutsch gesprochen wird, auch untereinander.“ Wer dann in der Schule oder Werkstatt etwas Nichtdeutsches plappert, wird runtergestuft und in seine neun Quadratmeter gesperrt.

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