Berlin : Killerschnecken

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Von Andreas Conrad

Die Nachrichten vom Mittelmeer waren schuld, klarer Fall. Er neigte sonst nicht zu Albträumen, schon gar nicht richteten sie sich auf seinen Gemüsegarten. Aber die letzte Nacht – grauenvoll. Am Morgen fühlte er sich, als habe er in einer Wanne ekligen Schleims gebadet. Nur mühsam gelang es ihm, den Horror zu rekonstruieren: Ein grünes Gekräusel am Anfang, das in einem braunen Meer märkischen Sandes entfernt an eine Insel erinnerte. Ein Büschel Petersilie, wie sich beim Näherkommen zeigte. Und dabei war er im Traum nicht allein. Dutzende, Hunderte, Tausende von unbehausten Schnecken krochen auf seine Petersilie zu und machten sich mit „Hossa, hossa, hossa“-Rufen und manchem „Olé“ über das üppige Grün her. Erst hinterher fiel ihm auf, das solcher Ausdruck ungezügelter Lebensfreude bei Schnecken unüblich ist.

Schon ragten nur noch die abgenagten Stiele in die Höhe, doch nicht mal jetzt gaben die gefräßigen Invasoren Ruhe, formierten sich zu einem rotierenden Kreis, der den Stengelwald unter fremdländischem Triumphgeheul umschloss, sich immer rasender drehte. Aus dem arg gelichteten Dickicht löste sich eine Gruppe von eingeschüchterten Glibberwesen, offenbar einheimische Artgenossen der rasenden Petersilienfresser, denen sie mit verzagten Stimmchen immer nur verzweifelt „Siesta, siesta, por favor“ zuriefen. Mit einem Schrei wachte er auf, stürzte als erstes in den Garten. Die Petersilie gab es noch, aber der Kopfsalat! Abgenagte Strünke. Und die Zucchini! Löchrig, ungenießbar. Er kannte den Schuldigen, wusste von der aktuellen Invasion in den Berliner Kleingärten, die Zoologen vermelden: Arion lusitanicus, die spanische Wegschnecke, hatte nun auch seiner Petersilieninsel den Krieg erklärt.

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