Berlin : Kind musste sterben, weil es dem Vater glich

Prozessauftakt gegen Mutter, die ihren zweijährigen Sohn verhungern und verdursten ließ

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Von Katja Füchsel

Monatelang hatten die Nachbarn des Wilmersdorfer Hauses weggehört und weggeschaut – Anfang Januar konnten sie den Gestank nicht mehr ertragen. Diesen beißenden Geruch, der aus der Wohnung im Erdgeschoss drang. Nachdem die Feuerwehr die Tür aufgebrochen hatte, machten die Retter eine grausige Entdeckung: Alisan-Turan (2) hockte zusammengekauert in einer Ecke, er war zwischen Bergen von Müll verhungert und verdurstet, sein Körper mumifiziert.

Heute beginnt vor der 35. Strafkammer des Moabiter Kriminalgerichts der Prozess gegen die Mutter von Alisan-Turan – wegen Mordes. Bei den Verhören der Polizei hat Veronika W. (22) gestanden. Dass ihr Junge sterben sollte. Weil er dem ihr verhassten Vater so ähnlich sah. Weil er immer störte. Wenn sie in die Kneipe ziehen wollte. Oder auf den Strich gehen musste.

Die Frau war Anfang der 90er Jahre mit ihren Eltern aus Russland gekommen. Seit Dezember 1999 wohnte sie in dem Haus an der Wetzlarer Straße, in einer schönen Gegend zwischen Laubacher Straße und Südwestkorso. Hier blieb Alisan-Turan seit November sich selbst überlassen. Weil das Kind noch zu klein war, um Türklinken oder den Wasserhahn zu erreichen, starb der Junge nach spätestens sieben Tagen unter starken Qualen. Seine Leiche fanden die Beamten Monate später zwischen Unrat. Containerweise räumte die Polizei Abfall aus der Zwei-Zimmer-Wohnung, darunter zweihundert benutzte Babywindeln. „Die Frau hatte einen sehr unsteten Lebenswandel“, sagte ein Kripobeamter nach dem ersten Verhör. Anhaltspunkte für eine verminderte Zurechnungsfähigkeit fand man nicht.

Nachdem Veronika W. ihre Wohnung für immer verlassen hatte, kam sie bei verschiedenen Bekannten unter; der Polizei erzählte sie, sie habe sich ihrem neuen Freund in Neukölln widmen wollen. Dieser Mann soll aber ebenso wie die im Brandenburgischen wohnenden Großeltern nichts über den Zustand des Kindes gewusst haben. „Wenn ihre Eltern sich nach dem Enkel erkundigten, wurden sie beruhigt“, sagte ein Ermittler.

Bereits im November – da lebte der Junge nach Aussage der Mutter noch – hatte ein Sozialarbeiter des Wohnungsunternehmens Gehag mehrfach versucht, mit Veronika W. zu sprechen. Sie hatte seit Sommer die Miete nicht mehr bezahlt. Die fristlose Kündigung war ausgesprochen, der Sozialarbeiter sollte versuchen, diese noch einmal abzuwenden – und stand jedes Mal vor verschlossener Tür. Kindergeschrei habe man nicht vernommen, hieß es bei der Gehag. Dem Sozialarbeiter sei lediglich aufgefallen, „dass der Briefkasten voll gestopft war“.

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