Berlin : Kind überrollt – Lkw-Fahrer verurteilt

Der neunjährige Dersu starb nach dem Unfall

Marc Neller

Ein weißer Sattelzug, der beim Rechtsabbiegen einen neunjährigen Jungen überrollt. Der Junge stirbt. 23. März 2004. Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass Dersu auf einer viel befahrenen Charlottenburger Straßenkreuzung sein Leben verlor. Gestern stand der Unfallfahrer vor dem Amtsgericht Tiergarten. Das Urteil: fahrlässige Tötung, 1750 Euro Geldstrafe – ein geringes Strafmaß. Eine fahrlässige Tötung kann mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren geahndet werden.

Für den Prozess gegen Ronni H., 41, hatte das Schöffengericht nur einen Tag anberaumt. Entscheidend für das Urteil ist das Gutachten des technischen Sachverständigen, der den Unfall an der Bismarckstraße Ecke Kaiser-Friedrich- Straße nachgestellt hatte. Dort war der Junge auf dem Weg zur Schule mit dem Fahrrad hinter seiner Mutter hergefahren. Mutter und Sohn wollten geradeaus über den Fußgängerüberweg fahren. Sie hatten ebenso grünes Ampellicht wie der abbiegende Laster. Eine Verkehrssituation, die für Radfahrer immer wieder verheerende Folgen hat. H. sah wohl noch in den Rückspiegel. Er ließ die Frau passieren. Den Jungen sah er nicht. Der Lkw erfasste Dersu auf der Fahrbahn.

Kurz zuvor, während des Abbiegens, habe H. gebremst – „wohl, um noch einmal sicherzugehen, dass er freie Fahrt hat“, sagte Gutachter Hartmut Rau. Das belege die Auswertung des Fahrtenschreibers. „Möglicherweise befand sich der Junge im toten Winkel des Rückspiegels.“ Zuvor allerdings habe es zwei bis drei Sekunden lang eine „Phase der Erkennbarkeit“ gegeben. H. habe 40 Sekunden an der Ampel gestanden. „Genug Zeit, um den Radweg zu beobachten.“

„In dieser Zeit hätten Sie die Mutter und das Kind sehen müssen“, sagte auch die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. „Sie haben ihre Sorgfaltspflicht außer Acht gelassen – bevor Sie abbogen.“ Allerdings hielt sie dem Unglücksfahrer zugute, „dass die Verkehrssituation an dieser belebten Straße unübersichtlich ist“. H.’s Verstoß sei „gering“. Der Verteidiger forderte Freispruch oder die geringst mögliche Strafe für seinen Mandanten.

Das Gericht schloss sich der Staatsanwältin an. In seiner ausführlichen Urteilsbegründung sagte der Vorsitzende Richter in Richtung des Angeklagten. „Trotz aller widrigen Umstände hätten Sie den Jungen sehen können.“

Der Unfall hat eine breite Diskussion ausgelöst, ob Lastwagen und Busse mit zusätzlichen Außenspiegeln wie dem „Dobli-Spiegel“ ausgerüstet werden müssen, damit es keinen „toten Winkel“ mehr gibt. In einigen europäischen Ländern sind diese Spiegel längst vorgeschrieben. In Deutschland lassen Änderungen auf sich warten. Unmittelbar nach dem gestrigen Urteil sagte Gutachter Hartmut Rau: „Es ist unmöglich zu sagen, ob der Dobli-Spiegel den Unfall verhindert hätte. Sicher ist nur, dass er den toten Winkel eingeschränkt hätte.“ Die Politik brauche viel zu lange, bis sie technische Erkenntnisse umsetze. Für Dersus Eltern wiege kein Strafmaß ihren Verlust auf, sagte der Vorsitzende Richter dann noch. Die Eltern waren zum Prozess gar nicht gekommen.

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