Berlin : Kinder als Kriminelle: 13-Jähriger zum 50. Mal erwischt

Enrico S. raubt mit seinem Kumpel (12) Frisörladen aus. Strafe droht den Kleinen nicht

Werner Schmidt

Enrico S. (Name geändert) ist erst 13 und kann schon auf eine lange kriminelle Vergangenheit zurückblicken. 50 Mal hat ihn die Polizei bereits erwischt. Beim ersten Mal war er acht. Montag früh wurde er wieder gefasst. Das erste Mal bei einem Einbruch. Mit seinem 12-jährigen Komplizen Jens H. (Name geändert) hatte er die Eingangstür eines Frisörgeschäftes an der Titiseestraße in Reinickendorf eingeschlagen. Dabei lösten sie, ohne es zu merken, Alarm aus: 3.45 Uhr war es, als die Polizei den Warnruf registrierte.

Als der Streifenwagen eintraf, hatten die Kinder keine Gelegenheit mehr zur Flucht. Sie versteckten sich hinter einer Trennwand, wurden aber schnell gefunden. Ihre Beute hatten sie schon ausgewählt – fünf Haarschneidemaschinen plus Ladegeräte. Später sagten sie bei der Polizei, dass sie auf der Suche nach Geld waren, aber keines gefunden hatten. Auch dieses Mal mussten die Polizisten die strafunmündigen Kinder wieder laufen lassen. Deren Eltern wurden von den Beamten aus dem Schlaf geklingelt und haben ziemlich unwirsch auf die nächtliche Störung reagiert, sagte ein Polizist. Vermisst hatten sie ihre Kinder aber nicht.

Raub, gefährliche Körperverletzung, Erpressung, Brandstiftung, Ladendiebstähle und Diebstahl von Fahrrädern und Mopeds, es gibt kaum ein Delikt, bei dem Enrico S. nicht schon gefasst wurde. Trotz seines spanisch klingenden Namens ist er, wie auch Jens, deutscher Herkunft. Die kriminelle Karriere von Jens H. begann im vergangenen Jahr. Inzwischen wurde er auch bereits sechs Mal erwischt – beim Ladendiebstahl und bei Sachbeschädigungen. Unklar ist, ob es tatsächlich der erste Einbruch des Duos in das Frisörgeschäft war. Die Alarmanlage wurde erst vor etwa sechs Wochen installiert. Davor war bereits vier Mal in das Geschäft eingebrochen worden. Jedes Mal entkamen die die Täter. Die Ermittler vermuten, dass die beiden Kinder auch die bisher nicht geklärten Einbrüche begangen haben könnten.

Im Reinickendorfer Jugendamt sind die Beiden offenbar bekannt, denn die Polizei informiere die Behörde immer dann, wenn sie Kinder und Jugendliche bei Straftaten erwische, sagte Thomas Gaudszun, der zurzeit den Jugendstadtrat Peter Senftleben vertritt. „Wenn wir eine Mitteilung von der Polizei erhalten, dann sehen wir auch nach und suchen das Gespräch mit der Familie.“ Welche Sanktionen das Jugendamt allerdings in der Vergangenheit für den Drahtzieher des Einbruchs vom Montag, Enrico S., getroffen hat, dazu äußerte Gaudszun sich nicht.

Es gibt nur wenig Möglichkeiten der Strafe für Kinder. Allerdings können Eltern wegen Vernachlässigung der Fürsorge- und Aufsichtspflicht juristisch zur Rechenschaft gezogen werden. Ihnen kann in extremen Fällen, wenn ein Gericht sie als ungeeignet ansieht, ihre Kinder zu erziehen, sogar das Sorgerecht entzogen werden. Eine Herabsetzung der Strafmündigkeit von derzeit 14 Jahren auf zwölf Jahre wird zumindest von der Polizei als wenig hilfreich angesehen. Wichtiger sei, den Kindern jede mögliche pädagogische Hilfe zu bieten, sagte Klaus Eisenreich von der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben