Berlin : Kinder, die nur auf dem Konto zählen

Jugendämter beobachten keine Zunahme von Verwahrlosungsfällen Aber sie registrieren in vielen Familien eine Unfähigkeit zur Erziehung

Werner van Bebber

So gut wie sicher ist nur eins: Wenn immer mehr Eltern sich immer weniger um ihre Kinder kümmern, ist das Ausdruck einer gesellschaftlichen Krise. Beim Jugendnotdienst in der Mindener Straße hat wohl niemand Zweifel an dieser Krise. 2000 „Kontakte“ mit Jugendlichen werden die Mitarbeiter in diesem Jahr verzeichnen. Aus dem Gespräch kann durchaus eine „Inobhutnahme“ werden; das Jugendamt sorgt dann dafür, dass Jugendliche aus miserablen familiären Verhältnissen herauskommen. Die Zahl der Inobhutnahmen aber schwankte berlinweit in den vergangenen Jahren nicht so sehr. Ende 2003 seien es 100 gewesen, ein Jahr später 90, Ende September 2005 110, sagt Wolfgang Penkert von der Jugendverwaltung.

Aber statistische Daten sagen nicht wirklich viel aus über die Frage, ob immer mehr Kinder verwahrlosen. In Berlin sind in den vergangenen Jahren einige besonders schreckliche Fälle von Kindesmisshandlung bekannt geworden. Wer heute mit Jugendlichen und Jugendpolitik zu tun hat, der hat auch den Eindruck, dass Nachbarn heute eher dazu neigen, sicherheitshalber beim Jugendamt anzurufen, wenn sie einen Fall von Kindesmisshandlung befürchten. So sagt Angelika Schöttler, die Jugendstadträtin von Tempelhof-Schöneberg, ihre Mitarbeiter würden inzwischen häufiger auf mögliche Fälle von Vernachlässigung hingewiesen. Thomas Harkenthal, Direktor des Jugendamtes Kreuzberg-Friedrichshain, hat eine „steigende Tendenz“ bei Kindesmisshandlungen bemerkt.

Beide betonen aber, dies habe damit zu tun, dass die Leute genauer hinsähen und auffällige Fälle früher meldeten. Außerdem, so Harkenthal, unterscheide das Jugendamt statistisch nicht, ob jemand aus eigenem Antrieb Hilfen zur Erziehung beantragt habe – oder weil er angezeigt worden ist und das Jugendamt nach den Kindern sah.

Auch die Ursachen für Verwahrlosung sind nicht so leicht zu bestimmen. Da ist der unübersehbare materielle Zusammenhang: verwahrloste Eltern – verwahrloste Kinder, wie bei den Jungen in Spandau. Da sind aber auch Fälle – die Spandauer Jugendstadträtin Ursula Meys kennt sie ebenso wie Thomas Harkenthal –, in denen Eltern sich überfordert fühlen.

Wolfgang Büscher, Sprecher der „Arche“ in Hellersdorf, beobachtet die Folgen solcher Unfähigkeit zum Kümmern und zur Erziehung: In der Arche gebe es neuerdings eine eigene Gruppe für Kinder zwischen 0 und 3 Jahren – Kinder, die für ihre Eltern nur wegen des Kindergeldes interessant waren.

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