Berlin : Kinder interviewen Rau: "Hatten Sie als Kind eine Zahnspange?"

Selvie: Was machen Sie eigentlich so den ganzen Ta

12 000 Portionen Eis, 6000 Becher Trinkschokolade und 1800 Teller voll Spaghetti und Kaiserschmarrn sind vertilgt: Gestern feierte der Bundespräsident mit 3500 Kindern ein Fest im Schloss Bellevue. Für einige Kinder nahm er sich besonders viel Zeit, sie durften Johannes Rau in seinem Amtszimmer interviewen. Wofür ist man als Bundespräsident eigentlich so zuständig? Wann hatte Rau seine erste Freundin, und trug er als Kind eine Zahnspange? Wo sonst die Queen oder Tony Blair sitzen, nahmen diesmal Anika (10), Selvie (11), Tim (12), Cihan (13), Anne-Sophie (11), Maximilian (10) und Bahara (12) Platz - zusammen sind sie neun Jahre älter als der Präsident.

Selvie: Was machen Sie eigentlich so den ganzen Tag?

Ja, das fragen sich viele (schmunzelt). Ich bekomme schrecklich viel Post, die muss ich lesen und beantworten. Ich telefoniere viel und habe einen Termin nach dem nächsten. Meine Gäste können oft nur eine Viertelstunde bleiben, und dann müssen sie gehen, weil schon der Nächste wartet. Manchmal arbeite ich sechzehn Stunden pro Tag, bis alles geschafft ist.

Cihan: Können Sie mit dem Computer umgehen?

Ja, mit meinem Laptop. Auf dem schreibe ich Briefe und Artikel. Meine Kinder haben mir dabei geholfen und gezeigt, wie das geht. Spiele wie "Skat" oder "Wer wird Millionär?" haben sie mir auch draufgespielt. Wenn ich mich von der Arbeit etwas entspannen will, dann spiele ich manchmal. Mit dem Internet kann ich nicht umgehen.

Anne-Sophie: Was waren denn Ihre spannendsten Begegnungen?

Da gab es ganz viele. Willy Brandt, Helmut Schmidt - und Nelson Mandela.

Anne Sophie: Wer ist denn das?

Der erste demokratische Staatspräsident von Südafrika, er saß davor fast dreißig Jahre im Gefängnis, weil er sich gegen Rassismus aufgelehnt hatte. Herr Mandela hatte ein ganz tolles Hemd an - und konnte tanzen!

Anne-Sophie: Gehen Sie gern tanzen?

Überhaupt nicht. Aber als jemand in der Zeitung über meinen Eröffnungstanz beim Bundespresseball geschrieben hat, den hätte ich mehr geschunkelt als getanzt, war ich schon ein bisschen beleidigt.

Bahara: Hören Sie gern Hip-Hop?

Was ist denn das genau?

Bahara: Naja, Rap halt, Sprechgesang.

Da kennen sich meine Kinder besser aus. Wenn ich unterwegs bin, höre ich gern Schlager im Radio, zu Hause eher klassische Musik und frühen Jazz.

Anika: Woher kennen Sie Ihre Frau?

Das war ganz komisch. Ich kenne meine Frau schon seit ihrer Geburt, denn ich war mit ihren Eltern befreundet. Ich war schon bei deren Hochzeit dabei.

Bahara: Wann hatten Sie Ihre erste Freundin?

Mit fünfzehn. Obwohl, wenn ich ehrlich bin: Meine erste Freundin hatte ich mit vier oder fünf im Kindergarten. Sie hieß Erika und wohnte in einem Haus im zweiten Stock. Ich war aber noch so klein, dass ich nicht ans Klingelschild heranreichte. Deshalb hat mir ihr Vater eine Extra-Klingel angebracht, und wenn die schellte, wussten alle: Besuch für Erika! Unsere Wege haben sich vor Jahren sogar wieder gekreuzt.

Cihan: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten - was wäre das?

(zögert) Bei einem einzigen Wunsch ist das schwer zu sagen. Eigentlich würde ich mir dann wünschen, mehr Zeit für meine Kinder oder Freunde zu haben.

Tim: Helfen Sie Ihren Kindern bei den Hausaufgaben?

Ein bisschen, nicht viel. Manchmal bei Latein. Aber meine Frau und ich sind beide der Ansicht, dass unsere Kinder das selbstständig oder mit Freunden machen sollen.

Tim: Was waren Sie denn so für ein Schüler?

Gemischt. Für Deutsch, Geschichte und Religion habe ich mich immer interessiert. Naturwissenschaften fielen mir schwerer.

Anika: Hatten Sie als Kind eine Zahnspange?

Nein, die gab es damals noch nicht. Aber meine Kinder hatten alle Zahnspangen, und dann ging natürlich immer das Gesuche los: "Wo ist das Ding wieder abgeblieben?"

Selvie: Sie wohnen doch im Schloss, wie viel Miete müssen Sie denn bezahlen?

Haaalt! Ich muss gar keine Miete bezahlen. Das hier ist sozusagen das Büro, dass mir der Staat zur Verfügung stellt. Ich wohne ja auch gar nicht im Schloss. Die Dienstwohnung, die hier immer für den Bundespräsidenten bereit steht, die ist für mich und meine Familie zu klein. Meine älteste Tochter ist 17, mein Sohn 16 und meine jüngste Tochter 14 Jahre alt. Damit wir genug Platz haben, habe ich in Dahlem ein schönes Haus gemietet, mit einem großen Garten.

Maximilian: Kommen Ihre Bodyguards immer mit, auch nach Hause und in den Urlaub?

Ja, aber die stören nicht. Manche sind schon seit 20 Jahren bei uns, mit denen sind die Kinder auch befreundet. Manchmal sitze ich bei Abend-Terminen und denke mir: Soll ich denn jetzt noch eine halbe Stunde bleiben, die Ärmsten müssen draußen im Auto warten... ..

Anika: Tragen Sie privat auch einen Anzug?

Ja. Daran habe ich mich gewöhnt. Außer im Urlaub auf Spiekeroog, da trage ich auch Pullover und Cordhose.

Selvie: Wo genau fahren Sie immer hin?

Wir haben ein Ferienhäuschen auf Spiekeroog, das ist eine Nordsee-Insel. Dann habe ich endlich mal ausreichend Zeit für die Kinder. Wir fahren Fahrrad oder gehen spazieren. Scooter, unser Hund, kommt auch mit.

Cihan: Mögen Sie Fußball?

Früher habe ich mich dafür nicht interessiert, aber durch meinen Sohn habe ich auch damit angefangen, Fußball zu gucken.

Cihan: Wer wird Deutscher Meister? Und haben Sie einen Lieblingsverein?

Ich denke, im nächsten Jahr hat Schalke wieder eine Chance. Einen Lieblingsverein habe ich nicht, denn früher, als ich Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war, kamen von 18 Bundesliga-Mannschaften neun von dort. Da kann man keine favorisieren. Für die Bayern und ihre Meisterschaft habe ich mich gefreut, aber auch Hertha mag ich, und wenn Union gewinnt, freue ich mich auch.

Maximilian: Herr Rau, was wollten Sie werden, als Sie noch ein Kind waren?

Pastor! Bin ich dann aber nicht geworden. Haben die in der Gemeinde Glück gehabt...

Cihan: Stimmt es, dass Sie jeden Tag in der Bibel lesen?

Ja, das stimmt. Ich lese in einem Buch, das heißt "Losungen". Jeden Tag lese ich zwei Texte, einen aus dem Alten und einen aus dem Neuen Testament.

Tim: Und wer hat Ihnen den Spitznamen "Bruder Johannes" gegeben?

Das war eher ein Scherz und hat angefangen, als wir uns in der SPD mit dem Titel "Genosse" angeredet haben. Die Anrede gefiel mir nicht, und dann hat ein Kollege, der Ministerpräsident Kühn, gesagt "Na, dann nennen wir dich eben Bruder Johannes". Und dabei ist es geblieben.

Anne-Sophie: Finden Ihre Kinder das cool, dass sie Bundespräsident sind?

Eigentlich finden sie es nicht so toll, aber sie haben sich daran gewöhnt. Ich war ja schon lange Ministerpräsident, als sie auf die Welt kamen.

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