Berlin : Kinder, Kinder

Wolfram Siebeck

Ich drücke die Fernbedienung, und plötzlich herrscht Stille. Kein Gequassel mehr, kein Durcheinanderreden. Frau Hoffmann wechselt die Sitzposition und fragt: „Wer war das mit dem großen Ring und dem Spazierstock?“

„Ein Maler und Bildhauer.“

„Warum mäkelt er denn an Berlin herum? Er wohnt doch selber da.“

„Als Künstler muss er eine von der Allgemeinheit abweichende Meinung haben.“

„Warum muss er das?“

„Damit man ihn als Künstler erkennt.“

„Genügen der große Ring und die Silberkrücke nicht?“

„Meistens schon. Nur in Fernsehdiskussionen muss man damit rechnen, dass man von Leuten gesehen wird, die einen Künstler nicht von einem Pastor unterscheiden können.“

„Glauben diese Leute nun, was der Künstler über Berlin gesagt hat?“

Frau Hoffmann ist beim Thema Berlin immer hellwach. Sie interessiert sich für die Stadt, seit sie einmal mehrere Monate mit uns neben dem Adlon gewohnt hat. Sie ist eindeutig ein Berlin-Fan.

„Vielleicht glauben sie ihm. Oder aber den anderen Diskutanten.“

„Eine davon hat gesagt, sie sei froh, dass immer mehr Künstler nach Berlin kommen. Glaubst du das auch?“

„Ich kann nur hoffen, dass es wahr ist.“

„Hoffen? Ist es gut für Berlin, wenn Künstler in die Stadt drängen? Vor allem junge Künstler, hat die Dame gesagt.“

„Sicher ist das gut. Du weißt doch, dass es bei uns zu wenig Kinder gibt.“

„Aber Künstler sind doch keine Kinder!“

Ich belasse sie in ihrem Glauben und drücke auf die Fernbedienung. Rasende Autos flimmern vorüber, schöne Frauen kokettieren über den Rand einer Kaffeetasse und durstige Männer trinken Bier aus der Flasche. Frau Hoffmann verwandelt sich in ein Haufen Fell und hält sich die Ohren zu. Erst als der Bildschirm wieder dunkel wird, meldet sie sich erneut: „Gibt’s keinen Kanal aus Berlin?“ – „Nein, gibt’s nicht.“ – „Und warum nicht?“ – „Weil Wowereit dessen Intendant sein würde, dann wäre Berlin ohne Bürgermeister.“ – „Wozu braucht Berlin denn einen Bürgermeister?“

Ihre Verhöre sind teuflisch. Alles wird gegen mich verwendet. Unter ihren großen, dunklen Augen fühle ich mich wie Rubaschow in „Sonnenfinsternis“. Mit einer Katze zu diskutieren ist sinnlos, aber eine Katze wie Frau Hoffmann bringt einen ins Irrenhaus. Ich suche einen Ausweg: „Würdest du denn froh sein, wenn deine Kinder nach Berlin gingen? Nehmen wir an, du hättest welche.“

„Wenn es Künstler wären, warum nicht?“

„Künstler wie der mit dem Ring?“

„Klar! Mit dem Stock könnten sie sich vor Hunden schützen. Außerdem kriegte ich Kindergeld und eine Zulage.“

„Wieso du? Du bist doch nicht in Berlin.“

„Eben drum! Die wären so dankbar, dass ich nicht auch noch komme. Was glaubst du, wie viel Künstler eine Stadt ertragen kann?“

„Wenn die Stadt Berlin heißt und die Künstler sich aufs Mäusefangen beschränken – jede Menge!“

Sie richtet sich auf und faucht: „Ich rede hier von meinen Kindern! Von unerzogenen, undisziplinierten Gören, bei deren Anblick die Bevölkerung ganzer Stadtteile aufs Land flüchten würde.“

Interessant, wie sie ihre eigene Brut einschätzt. Ob das Familienministerium unter den Berliner Müttern mal nach deren Kindern gefragt hat? Ich schalte die Glotze wieder ein, und wir sehen einen Herrn mit Schlips, der zwei jungen Menschen erklärt, dass sie bei ihm nur einen Vertrag unterzeichnen müssen, um im Alter fabelhaft versorgt zu sein. Es folgen zwei grauhaarige Brillenträger, die auf einer Wiese Champagner trinken. Und weit und breit keine Maus zu sehen.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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