Berlin : Kinder quälten 13-jähriges Mädchen

Polizei spricht von „unglaublicher Misshandlung“ Jugendamt schaltet sich in den Fall ein

Tanja Buntrock,Sigrid Kneist

Die Täter waren noch Kinder – vier Jungen im Alter von 14, 11 und 10 Jahren. Sie quälten und erniedrigten am Mittwoch die 13-Jährige Tina (Name geändert) in Marzahn. Die beiden strafmündigen 14-Jährigen erwartet ein Verfahren wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung. Was war passiert, dass selbst die Polizei von einem „unglaublichen Fall von Misshandlung und Erniedrigung“ spricht? Tina wollte mit ihrem fünfjährigen Bruder im Akazienwäldchen nahe der Allee der Kosmonauten spielen. Dort treffen sie auf Nachbarsjungen. „Haut ab, das ist unser Gebiet“, sollen sie zu Tina gesagt haben. Dann begann das Martyrium. Der kleine Bruder musste alles mit ansehen.

Im Polizeiprotokoll heißt es: Die Jungen fesseln Tina mit einem Seil an den Händen und Füßen. „Wenn Du nicht still bist, schneiden wir dir die Finger ab“, drohen sie. Freilassen würden sie Tina, wenn sie eine Zigarette rauche. Das Mädchen weigert sich. Dann urinieren sie in einen hohlen Baumstamm und auf den Rasen. Anschließend drücken sie Tina mit dem Körper in den Urin. Hinterher wird sie an einen Baum gefesselt. Als die Jungen auf einer Parkbank sitzen, gelingt es dem Mädchen, sich zu befreien. Sie läuft mit ihrem Bruder nach Hause. Der Vater geht zur Polizei und zeigt die Jungen an. Bei einer Befragung bestätigten die Jungen den Ablauf des Geschehens. Die beiden 14-Jährigen werden in den nächsten Tagen zu einer Vernehmung bei der Kripo vorgeladen. „Sie waren sich des Ausmaßes ihrer Handlungen gar nicht bewusst“ – so ist die erste Einschätzung einer Ermittlerin.

Das Jugendamt will sich jetzt um die Familien der Kinder kümmern. „Das erscheint uns in jedem einzelnen Fall angebracht“, sagt Jugendamtsleiterin Rita Jahn. Welche Maßnahmen ergriffen und welche Hilfsangebote gemacht werden, müsse individuell entschieden werden. Zu den familiären Hintergründen wollte sich die Jugendamtsleiterin gestern nicht äußern. Ebenfalls gab es keine Angaben dazu, ob das Jugendamt schon vorher Kontakt mit den Familien hatte. Allerdings soll es bei zwei von ihnen Probleme in der Vergangenheit gegeben haben.

Nach Auffassung der Sprecherin der Senatsjugendverwaltung, Anne Rühle, sind solche Fälle auch ein Ausdruck von emotionaler Verwahrlosung, wenn Kinder die Grenzen ihres Handelns nicht mehr kennen. Wie der Leiter der Abteilung Jugend und Familie in der Senatsverwaltung, Wolfgang Penkert, sagte, müssen die Jugendämter schauen, ob es eine problematische Familiengeschichte gibt, um die geeigneten Maßnahmen einleiten zu können. In den meisten Fällen sei es sinnvoll, den Kontakt mit der Schule zu suchen. Wie gestern berichtet, hat die Senatsverwaltung ein Rundschreiben herausgegeben, wie die Behörden eingreifen und zusammenarbeiten sollen. Allerdings kann diese Kooperation manchmal zu spät kommen, wenn die Dringlichkeit nicht erkannt wird. Im Fall des Achtjährigen, der mit seiner Mutter alkoholisiert auf einer Parkbank am Wannsee aufgefallen war, hatte die Schule das Jugendamt zwar zu einer Helferkonferenz eingeladen; diese sollte aber erst nach den Herbstferien stattfinden.

In der Polizeistatistik sind Misshandlungen von Kindern an Kinder nicht spezifisch erfasst. Die Statistik gibt lediglich Auskunft, wie häufig Kinder unter 14 Jahren als Tatverdächtige aufgefallen sind: Im Jahr 2005 waren das 5312 erfasste Fälle, davon sind 1170 Körperverletzungen und 255 Raubtaten.

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