Berlin : Kinder von Mutter verlassen Sie taten so, als sei alles normal

Zwölfjähriger Junge kümmerte sich um seine drei kleineren Geschwister Ob die Vier zusammenbleiben dürfen, ist laut Jugendamt noch offen

Tanja Buntrock,Claudia Keller

Im Briefkasten stapeln sich Briefe an die Mutter, auch einer vom Jugendamt ist darunter. Das Treppenhaus ist ordentlich, wenn auch alt und etwas heruntergekommen. Die Wohnungstür der Familie im dritten Stock im Vorderhaus fällt auf, mit Fingerfarben haben Kinderhände rote und grüne Abdrücke über die Tür verteilt, eine Plastiksonnenblume steckt daneben und ein Aufkleber „Alles wird gut“. Nichts weist darauf hin, dass hinter dieser Tür in Prenzlauer Berg vier Kinder im Alter von 8, 9, 11 und 12 Jahren fast ein ganzes Jahr lang ohne Mutter lebten, in einer völlig vernachlässigten Wohnung.

Der Nachbar auf dem gleichen Stockwerk, ein junger Mann, erinnert sich , dass es oft Geschrei gab, als die Mutter noch da war. Es sei wohl auch mal jemand vom Jugendamt da gewesen. Er kannte die Familie aber nicht näher und habe die Kinder nur selten gesehen. Sie hätten auch nicht um Hilfe gebeten. Er sei schockiert über das, was jetzt bekannt wurde. Auch andere Nachbarn, die schon mehrere Jahre in dem Haus wohnen, können nicht glauben, dass die Kinder alleine gelebt haben.

Selbst für hartgesottene Ermittler ist dies „ein außergewöhnlicher Fall“ von Kindesvernachlässigung, sagte die zuständige Kommissariatsleiterin beim Landeskriminalamt, Gina Graichen. Nicht nur der „verheerende und ekelerregende“ Zustand sei bestürzend, sondern auch die Tatsache, dass die vier Kinder so lange Zeit völlig auf sich alleine gestellt gewesen seien. „Es sind noch Kinder. Da ist es schon schlimm, wenn die Mutter nur kurze Zeit weg ist“, sagte Graichen. Doch offenbar haben die zwei Jungen und zwei Mädchen alles dafür getan, um nach außen hin nicht aufzufallen. Wahrscheinlich auch, um ihre Mutter zu schützen. „Die Mutter ist das Einzige, was sie haben“, sagt die Hauptkommissarin.

Für die Ermittler sei es in erster Linie wichtig, dass die Kinder aus der verwahrlosten Wohnung befreit wurden und in Obhut des Jugendamtes sind. Gegen die Mutter Gabriele B. wird nun ermittelt. „Dazu werden wir Nachbarn, Lehrer und andere Zeugen befragen“, sagte Graichen.

Offenbar wären die katastrophalen Verhältnisse gar nicht aufgedeckt worden, wenn der zwölfjährige Sohn bei einem Termin mit dem Jugendamt am Donnerstag nicht über den Zustand in der Vierzimmerwohnung berichtet hätte. Wie die Leiterin des Jugendamtes Pankow, Judith Pfennig sagte, habe es am Donnerstagvormittag einen gemeinsamen Termin mit der Mutter gegeben. Dieser sollte auf Wunsch der Mutter „an einem neutralen Ort“ stattfinden, sagte Pfennig. Deswegen seien die Sozialarbeiter in die Grundschule der Kinder gekommen. Doch die Mutter erschien nicht zum verabredeten Termin. „Der Junge hat dann immer mehr erzählt. Dann war klar, dass wir mit Hilfe der Polizei in die Wohnung müssen“, sagte Pfennig.

Doch warum sind die Sozialarbeiter nicht schon früher auf die Verwahrlosung aufmerksam geworden, obwohl die Familie schon seit 1998 betreut wurde? „Wenn die Frau uns keinen Zutritt zur Wohnung gewährt, können wir nichts machen“, sagte Pfennig. Außer, wenn das Kindeswohl gefährdet ist. „Und dafür hatten wir bislang keine Anhaltspunkte“, sagte die Amtsleiterin. Die Kinder hätten „hoch kompetent“ ein eigenes „Familiensystem aufgebaut“, um nach außen hin nicht aufzufallen. Der zwölfjährige Sohn habe sich darum gekümmert, dass alle regelmäßig zur Schule gingen. „Die Kinder waren gut ernährt, gingen zur Schule und trugen ordentliche Kleidung“, sagte Pfennig.

Nachdem sich die Mutter gestern von sich aus bei den Behörden gemeldet hat, werde nun geprüft, was mit den Kindern passiert. „Wir können nur hoffen, dass die Mutter kooperiert, damit es zu einer Familienzusammenführung kommt“, sagte Pfennig. Anderenfalls werde ein Sorgerechtsentzug beantragt. Darüber entscheidet dann ein Familiengericht – auch darüber, ob die Kinder auch ohne Mutter zusammenbleiben dürfen.

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