Berlin : Kinderarbeit am Potsdamer Platz

Auf einer Baustelle an der Leipziger Straße testen die Kleinen den Berufsalltag

Judith Jenner

Touristen blicken ungläubig durch den Bauzaun an der Leipziger Straße 126-128. Bis Mai stand hier der Technoclub Tresor, jetzt sollen Geschäftshäuser der Volksfürsorge entstehen. Statt starker Männer im Blaumann schuften in der Baugrube Kinder zwischen vier und acht Jahren. Mit Helmen und Handschuhen ausgestattet schichten sie Steine zu Mauern auf, fahren Bagger und decken ein Holzgerüst mit Dachziegeln ein. Bis zum 15. Oktober hat der Projektentwickler Bauwert eine Kinderbaustelle eingerichtet.

Auf die Idee brachte Geschäftsführer Patrick Reich sein vierjähriger Sohn. „Er war immer fasziniert von den großen Baggern und Kränen und konnte sich an Baustellen nicht satt sehen“, sagt Reich. Das Material haben Baufirmen gestiftet. Studenten und Bauarbeiter erklären den Kids ihr Handwerk. 700 Menschen haben sich bislang angemeldet. Aus Sicherheitsgründen dürfen immer nur 24 Kinder gleichzeitig auf das Gelände.

Eine Viertelstunde hat Samy aus Pankow angestanden, um mit dem großen Kettenbagger zu fahren. Ein Baggerfahrer hat der Siebenjährigen die verschiedenen Hebel erklärt. Gemeinsam nahmen sie einen schweren Stein in die Schaufel, drehten sich um 45 Grad, rollten ein wenig vor und zurück und luden den Stein wieder ab. Schwieriger fand Samy dagegen, die kleinen Elektrobagger zu bedienen, die nebenan im Sand stehen.

Gerade versucht sich der fünfährige Johann daran. Jasin Chanllah erklärt ihm, wie er den Sand treffsicher in einen Plastikeimer lädt. „Die Kinder müssen lernen, die unterschiedlichen Bewegungen zu koordinieren“, sagt der Student der Kommunikationswissenschaft. „Das ist gar nicht so einfach.“ Johann schafft es schließlich. Trotzdem: Von einem Job auf dem Bau träumt er nicht. Vielleicht will er Tierarzt werden.

Christopher (8) ist sich da auch noch nicht sicher. „Seine Berufsvorstellungen schwanken täglich zwischen Computerfachmann, Bauarbeiter und Feuerwehrmann“, sagt sein Vater Christian Steins aus Schöneberg. Im Moment sitzt Christopher auf dem etwa zweieinhalb Meter hohen Holzgerüst, das mit Dachziegeln verkleidet wird. Max reicht die Ziegel an, Christopher hängt sie ein.

Samy malt nach ihrer Baggerfahrt einen Stuckengel an. „Das Mauern überlasse ich lieber den Männern“, sagt sie. Nach zwei Stunden ist Schichtwechsel am Potsdamer Platz. Dann dürfen die nächsten Kinder in die Grube, um zu bauen wie die Großen.

Die Kinderbaustelle ist vom 6. bis zum 10. Oktober und vom 13. bis zum 15. Oktober jeweils zwischen 10 und 16 Uhr geöffnet. Anmeldungen sind nur noch heute über die Internetseite www.kinderbaustelle-berlin.de möglich. Bei zu großem Andrang entscheidet die Reihenfolge der Anmeldungen. Der Eintritt ist frei.

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