Kinderbetreuung in Berlin : Senat startet "stichprobenmäßige Überwachung" in Kitas

Der Senat zahlt für die Betreuung der Über-Dreijährigen in Kitas und will es nun genau wissen: Buchen Eltern mehr Stunden, als sie eigentlich benötigen? Heute beginnt eine Kontrollaktion.

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Werden die Kleinen schon eher abgeholt, obwohl sie für mehr Stunden angemeldet sind?
Werden die Kleinen schon eher abgeholt, obwohl sie für mehr Stunden angemeldet sind?Foto: dpa

Jetzt will es der Senat genau wissen. Nutzen Berlins Kita-Eltern die ihnen bewilligten Betreuungszeiten tatsächlich aus oder holen sie ihren Nachwuchs häufig schon früher in den Kindertagesstätten ab? Um dies zu ermitteln, wird ab Montag drei Wochen lang in insgesamt 329 Kitas täglich genau erfasst, wie lange die Kinder anwesend sind. Bei dieser aufwendigen Aktion geht es letztlich um viel Geld. Denn davon, wie viele Kinder eine Kita wie lange betreut, hängt ab, in welcher Höhe sie bezuschusst wird und wie viel Personal sie erhält. Sollte sich bei der Untersuchung herausstellen, dass Kinder weniger lang anwesend sind als offiziell angegeben, könnte es passieren, dass Geld und Stellen wegfallen.

Die Eltern wollen nichts riskieren

Ob die Erhebung allerdings realistische Zahlen bringt, ist fraglich: Unter den Eltern kursieren derzeit zahlreiche Appelle, man solle in den nächsten Wochen unbedingt die vertraglichen Zeiten einhalten. „Auch wir haben dazu aufgerufen“, sagt der Landeselternsprecher für die Kitas, Norman Heise. Die Eltern wollten nichts riskieren. Sie möchten vor allem ihre Flexibilität behalten, die ihnen beispielsweise eine garantierte neunstündige Betreuung bietet. Haben sie früher frei, können sie ihr Kind eher abholen. Grundsätzlich ist die Betreuung aber bis Feierabend gesichert. Hinzu kommt, dass Lebenswirklichkeit und festgelegte Zeiten rasch auseinanderklaffen können, wenn sich privat oder im Arbeitsalltag etwas ändert.

Fünf, sieben und neun Stunden stehen zur Auswahl

Der Senat schaut dagegen auf die jährlichen Kosten der insgesamt 2200 Berliner Kitas. Diese sind in den vergangenen vier Jahren von 978 Millionen Euro auf knapp 1,2 Milliarden Euro gestiegen. Hauptgrund ist die von der früheren rot-roten Koalition beschlossene Abschaffung der Kita-Gebühren während der letzten drei Jahre vor Schulbeginn. Die Befreiung galt ab 2010. Zuvor waren die Gebühren nach Betreuungszeiten gestaffelt. Der damalige Senat wollte mehr Eltern dazu bewegen, ihre Kinder in Kitas zu geben. Parallel wurde deren Finanzierung umgestellt. Entscheidend für den Personalschlüssel und die Zuschüsse ist seither der gesamte Betreuungsbedarf einer Kita.

Wer sein Kind in der klassischen Kindergartenzeit vom dritten bis fünften Lebensjahr in eine Tagesstätte bringen will, muss beim Jugendamt seines Bezirk nun angeben, wie lange er eine Betreuung braucht und warum. Fünf, sieben, neun oder mehr Stunden stehen zur Auswahl. Von der Behörde erhält er dann einen sogenannten Kita-Gutschein und kann sich mit diesem bei einer Einrichtung bewerben.

Die Kitas kommen den Eltern entgegen

Seit dem Wegfall der Gebühren hat vor allem Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) den Verdacht geäußert, viele Eltern würden mehr Stunden beantragen, als sie tatsächlich brauchen. Die Kitas kommen ihnen dabei erfahrungsgemäß entgegen. Angesichts des Finanzierungsmodells sind auch sie an vielen Ganztagsplätzen interessiert. Im Vertrag mit den Jugendämtern müssen sich die Eltern zwar verpflichten, einen verminderten Bedarf zu melden. „Aber das macht kaum jemand“, sagt Landeselternsprecher Heise.

„Es gibt also eine gefühlte Unsicherheit“, fasst der Sprecher der Senatsjugendverwaltung Ilja Koschembar die Situation zusammen. Deshalb wolle man der Debatte nun „fundierte Zahlen“ zugrunde legen. Die dreiwöchige Erhebung soll die Firma „Moysies & Partner“ durchführen, eine auf Behörden spezialisierte IT- und Managementagentur. Die 329 beteiligten Kitas wurden repräsentativ ausgewählt. Jeweils montags, mittwochs und freitags vergleichen nun Kita-Mitarbeiter die Betreuungszeiten der über-dreijährigen Kinder mit der tatsächlichen Anwesenheit.

"Stichprobenmäßige Überwachung" ist geplant

Um Manipulationen zu vermeiden, sind in 90 Kitas „stichprobenmäßige Überwachungen“ geplant. „Komplett anonymisiert“ würden die Daten dann zur Auswertung an Moysies & Partner weitergeleitet, versichert Koschembar. „Nicht nur der Name des jeweiligen Kindes, sondern auch der Name der Kita wird gelöscht.“ Es gehe nur um pauschale Erkenntnisse, keinesfalls um Sanktionen. Die Flexibilität der Eltern wolle man nicht einschränken. „Wir wollen nur in der Lage sein, mögliche Stärken und Schwächen des Kita-Gutscheinmodells danach mit den Bezirken und Trägern besser zu diskutieren.“ Es könnte eine lebhafte Debatte werden.

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