Kinderbetreuung : Zu klein zum Überleben

Tagesmütter fürchten um ihre Jobs: Nur noch acht Kinder sollen künftig in einer Großpflegestelle betreut werden. Deren Betreiber sehen ihre Existenz in Gefahr.

Anna Jelena Schulte

BerlinEine blaue Tür, dahinter verbergen sich ein Spielzimmer und ein Wäschetrockner, an dem von den Kindern bemalte Ostereier baumeln. Was aussieht wie ein exklusiver Kindergarten, dem haben Bürokraten eine sperrige Formulierung verpasst: Tagesgroßpflegestelle im Verbund. Seit 25 Jahren schließt Helga G. hier jeden Morgen auf, um gemeinsam mit ihrer Kollegin zehn Kinder – im Alter von zwei bis sechs Jahren – zu betreuen. Doch jetzt steht die Minikita der beiden Frauen vor dem Aus. Wie hunderte andere auch.

Weil Helga G. Angst hat, dass sie das Bezirksamt verärgern und deshalb keine Kinder mehr zugewiesen bekommen könnte, will sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Aufgrund ihrer pädagogischen Qualifikation hat sie eine Pflegeerlaubnis für fünf Kinder, darf somit zwei Kinder mehr betreuen als eine einfache Tagesmutter und sich „Großpflegestelle“ nennen. Davon gibt es 372 in Berlin. Laut Helga G. lief die Zusammenarbeit zwischen den Jugendämtern, die die Kinder zuteilen, und den Tagesmüttern bis vor kurzem hervorragend.

Existenzgrundlagen verändert

Ein Platz in einer Großpflegestelle ist für das Land etwas billiger als ein Platz in einer Kindertagesstelle. Dennoch rüttelt Berlin seit einiger Zeit an den Existenzgrundlagen der „Tagesgroßpflegestellen im Verbund“. Bereits 2006 wurde den überraschten Tagesmüttern von den jeweiligen Bezirksämtern mitgeteilt, dass eine Einzige von ihnen zwar fünf oder sogar mehr Kinder betreuen dürfe, zwei Kolleginnen zusammen aber nur acht.

Wie viele Eltern und Kolleginnen protestierte auch Helga G. in zahlreichen Briefen und Telefonaten. Im Dezember 2007 erhielt sie eine Antwort der Referatsleiterin der Senatsverwaltung für Bildung: Bereits seit 1978 gebe es Pflegeschutzvorschriften, die es verbieten, zusammen mehr als acht Kinder zu betreuen, hieß es in den Schreiben. „Da lässt man uns also nach 25 Jahren wissen, dass wir mit den zehn Kindern, die das Bezirksamt uns selbst zugewiesen hat, die ganze Zeit illegal waren“, schimpft Helga G. Zu zweit acht Kinder – das bedeute das Aus für ihren kleinen Kindergarten, da dann das Einkommen zu gering wäre. Der Senat bleibt dabei: Ab kommenden September sollen die Regelungen gelten.

Novellierung des Gesetzes soll Großpflegestellen sichern

Auch vom Bezirk bekommen die beiden Frauen und ihre zehnköpfige Kinderschar keine Unterstützung. Sie habe nichts gegen die Tagesgroßpflegestellen, versichert die Jugendamtsdirektorin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Uta von Pirani. „Ich begrüße die Zusammenarbeit von Tagesmüttern. Aber nur, wenn sie gemeinsam nicht mehr als acht Kinder betreuen.“ Auf den Einwand, dass das Gehalt für zwei gleichberechtigt zusammenarbeitende Tagesmütter mit der neuen Regelung unter dem Hartz-IV-Satz sinke, antwortet Uta von Pirani knapp: „Ich bin für den Schutz der Kinder zuständig, nicht für ein ausreichendes Einkommen der Pflegeeltern.“ Kitas hätten außerdem den Vorteil, dass die Kinder lernen müssten, sich in großen Gruppen zu bewegen. „Das Leben ist nicht so, dass man in netten kleinen Gruppen zusammensitzt.“

Früher war Helga G. selbst Erzieherin in einer großen Kita, dahin möchte sie nicht mehr zurück. Sie liebt das selbstbestimmte Arbeiten und das Gefühl am Abend, jedem einzelnen Kind gerecht geworden zu sein. Dass sie weniger Geld verdient als eine angestellte Erzieherin, nimmt sie in Kauf. Rückendeckung bekommen Helga G. und ihre Kolleginnen jetzt möglicherweise vom Bund. Der arbeitet gerade an einer Novellierung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, in der der Bestand von Großpflegestellen gesichert werden soll.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar