Kinderdebatte : Espresso-Rüller, tear down this Poller!
06.10.2012 11:05 UhrLassen wir die Politik doch mal aus dem Spiel. Es geht um etwas anderes: Mentalität.
Joachim Käppner schrieb vor einiger Zeit in der „Süddeutschen“ sehr treffend über das Sehnen nach einer unbestimmten Vergangenheit: „Wann soll diese goldene Zeit gewesen sein? Vor 1945, vor 1918? Wohl kaum. Noch in den sechziger Jahren dominierten autoritäre Erziehungsmodelle, deren Opfer manchmal noch heute beim Therapeuten sitzen.“
Kinder sind grenzenlos laut und wollen immerzu spielen. Man stelle sich vor, viele maßen sich sogar an, mit einem Schrei auf die Welt zu kommen und ziehen wenig später nachts in grölenden Horden um die Häuser. Die Schönhauser Allee mit ihren Autos, ohne die der in allen Debatten überraschend abwesende Prenzelberg-Vati morgens nicht zur Arbeit käme, ist allerdings noch lauter.
Neulich im Feinkostgroßhandel „Centro Italia“ an der Greifswalder Straße. Kleinkinder werden mit Pecorino und Fenchelsalami gefüttert, man kneift ihnen beherzt in die Wangen, sogar Volkstänze kommen zur Aufführung. Unsere südeuropäischen Freunde haben es gewiss auch nicht immer leicht, trotzdem empfinden sie Kinder nicht als Bürde oder Belästigung. Wahrscheinlich, weil sie nicht vergessen haben, dass sie auch mal klein waren. Und weil sie es – Folklore hin, Folklore her – nicht anders kennen: ein zutreffendes Klischee, dass in Italien Kinder spätabends um den Restauranttisch rennen, ohne dass sich jemand beschwert.
Geht es in den Leitartikeln um Kinder, dann meist nur darum, dass zu wenige da sind (demografischer Wandel) oder dass man sie nur schwer wieder loswerden kann (mangelnde Kita-Plätze) oder dass man sie überhaupt nicht mehr loswerden soll (Betreuungsgeld). Es geht um „Rahmenbedingungen“, aber viel zu selten um das Sittengemälde, das den Rahmen ausfüllen müsste: Wie schafft man eine Stimmung, in der mehr Kinder gemacht und fröhlich großgezogen werden?
Espresso-Rüller, tear down this Poller! Ich würde auch auf einen sechsfachen Espresso vorbeikommen, denn der soll, wie mir von Feinschmeckern berichtet wurde, bei „The Barn“ wirklich spektakulär sein. Ich wäre bereit zur Versöhnung.

















