Kindererziehung : Nein, das Kind erstickt nicht im Tuch!

Ungebetene Ratschläge kennen alle Eltern – von Verwandten, aber auch von Fremden. Wir habe Experten nach passenden Antworten gefragt.

Pascale Müller
Gut versteckt. Wer mit seinem Baby im Tragetuch unterwegs ist, hört nicht selten nörgelnde Kommentare.
Gut versteckt. Wer mit seinem Baby im Tragetuch unterwegs ist, hört nicht selten nörgelnde Kommentare.Foto: promo/DIDYMOS

Alle Eltern kennen sie: nervige Bemerkungen von Menschen, die meinen, sie müssten ein Wörtchen dabei mitreden, wie man mit seinen Kindern umgeht. Und das beginnt schon in der Schwangerschaft. Nicht selten sind es die Großeltern, die das Thema aus der Sicht einer anderen Generation sehen. Aber auch die Nachbarin, jemand in der Supermarktschlange und andere Verwandte oder sogar Freunde geben gern ihren Senf dazu. Und während man sich bei Fremden einfach umdrehen und weggehen kann, möchte man Nahestehenden ja lieber neutral antworten. Wir haben uns bei Experten umgehört, um gute Antworten auf einige dieser Bemerkungen zu finden.

JETZT TRINK DOCH RUHIG! MAL EIN SCHLÜCKCHEN ALKOHOL IN DER SCHWANGERSCHAFT IST HARMLOS!

„Wissenschaftlich bewiesen ist, dass bereits ein Glas pro Tag Auswirkungen auf die Größe des Neugeborenen hat. Das ist sicher“, sagt Hans-Ludwig Spohr, Leiter des FASD-Zentrums der Charité. FASD steht für „Fetal Alcohol Spectrum Disorder“, die vorgeburtliche Schädigung eines Kindes durch Alkoholkonsum der Mutter. „Wir wissen aber nicht, ab welcher vielleicht sogar geringeren Menge Alkohol schon eine Schädigung eintritt. Bevor es zu dem kommt, was wir Fetales Alkoholsyndrom nennen, gibt es eine große Grauzone, von der wir nicht genau wissen, wie sie wirkt. Mit den Jahren sind die Untersuchungsmethoden immer feiner geworden und die Grenzen nach unten gerutscht. Daher kann die einzige Option nur sein: Null Alkohol in der Schwangerschaft. Wenn das Fetale Alkoholsyndrom voll ausgeprägt ist, ist es eine lebenslange Schädigung, aber auch schon zuvor kann es zu Fetalen Alkoholspektrumsstörungen kommen.“

DAS KIND ERSTICKT DOCH IM TRAGETUCH! UND ES LERNT NIE LAUFEN, WENN ES IMMER HERUMGETRAGEN WIRD!

„Die Universität Köln hat in einer Studie festgestellt, dass es während des Tragens im Tragetuch zwar zu einem leichten Abfall der Sauerstoffsättigung kommt, dieser aber nicht klinisch relevant ist“, sagt Lisa Sperling, Trageberaterin von der Berliner Trageberatung. „Davon lassen sich viele Großeltern beruhigen. Was das Argument angeht, dass die Kinder so nicht laufen lernen können, ist zu sagen, dass der enge Körperkontakt der Stimulation hilft. Aus der Bindungstheorie weiß man, dass viel Körper- und Hautkontakt wichtig ist, um Hormone auszuschütten, was beim Bindungsverhalten zwischen Eltern und Kind hilft. Auch Temperatur und Atmung werden beim Tragen reguliert. Die Eltern tragen ihre Kinder sowieso, denn das Tragen ist für die eigene Flexibilität, Mobilität und Körperhaltung förderlich.“

WENN KINDER UNGEZOGEN SIND, MÜSSEN SIE ZUR STRAFE OHNE ABENDESSEN ODER OHNE NACHTISCH INS BETT!

„Die Konsequenz ungezogenen Verhaltens muss in einem für das Kind verständlichen Zusammenhang zu dem Verhalten stehen“, sagt Siegfried Preiser, Professor an der Psychologischen Hochschule Berlin (PHB). „Also: Wenn das Kind absichtlich das Essen wegwirft, dann ist es konsequent, wenn es keinen Ersatz bekommt. Wenn das Kind sich unerträglich verhält und nicht auf Ermahnungen reagiert, ist es angemessen, das Kind aus dem Raum zu schicken – oder selbst das Zimmer zu verlassen.“

BABYS KANN MAN RUHIG EINE WEILE SCHREIEN LASSEN. LAUFT DOCH NICHT IMMER GLEICH HIN!

„Vor 40 Jahren war die Methode gang und gäbe: Nach der Devise ,Schreien kräftigt die Lungen‘ ließ man Säuglinge nächtelang weinen“, schreibt die Autorin Andrea Bischoff im „Lexikon der Erziehungsirrtümer“ (Piper Verlag). An „Omas Methode“ sei zwar ein „Fünkchen Wahrheit“: „Stellt man die Zuwendung ein, hört das Baby zu weinen auf, weil es lernt, dass ihm das nichts hilft. Bis Omas Babys (die ja die Mütter von heute sind) ihr Weinen einstellten, durchlitten sie aber vermutlich schlimme Verlassens- und Trennungsängste.“ Auch Paula Diederichs, Sozialpädagogin, von der SchreiBabyAmbulanz Berlin hält das Schreienlassen für einen „Ratschlag aus der schwarzen Pädagogik“. Und Remo Largo, ehemaliger Professor für Kinderheilkunde, schreibt in seinem Bestseller „Babyjahre. Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren“ (Piper Verlag), es sei eine „oft geäußerte Befürchtung“, „dass durch häufiges und rasches Reagieren auf das kindliche Schreien der Säugling verwöhnt werde. Dies trifft für die ersten Lebensmonate nicht zu. Im Gegenteil: Säuglinge, die rasch besänftigt werden, schreien in den kommenden Monaten weniger.“

KLEINERE KINDER DÜRFEN NICHT ANS IPAD. DAVON WERDEN SIE DOCH DUMM!

„Digitale Medien können schon von drei- bis fünfjährigen Kindern sinnvoll genutzt werden, wenn Eltern und andere Erwachsene die Medien gemeinsam mit den Kindern nutzen, mit den Kindern über die Inhalte sprechen und die zeitliche Nutzung jeweils auf möglichst eine halbe bis maximal eine Stunde pro Tag beschränken“, sagt Ludwig Issing, Professor für Erziehungswissenschaften und Leiter der Arbeitsgruppe Medienforschung (Medienpsychologie und Medienpädagogik) an der Freien Universität Berlin. „Kinder können natürlich auch durch geeignete digitale Angebote geistig gefördert werden. Wichtig ist es, den Kindern bei der Auswahl und bei der geistigen Verarbeitung der gesehenen medialen Inhalte zu helfen, etwa mit ihnen darüber zu sprechen, sie das Gesehene nacherzählen zu lassen oder ein Bild dazu zu malen.“

DAS KIND KANN DOCH NOCH NICHT MIT EINEM JAHR IN DIE KITA!

„Wir erleben, dass die Eingewöhnung besonders leicht fällt, wenn die Kinder so um ein Jahr alt sind“, sagt Nadine Abaz, Erzieherin in der Weddinger Kita Sternenhimmel. „Studien in qualitativ gut geführten Krippen wiesen nach, dass Kinder, die eine Krippe besuchen, beim Eintritt in den Kindergarten sozial kompetenter und in ihrer Entwicklung, insbesondere in der Sprache, fortgeschrittener sind als diejenigen Kinder, welche die ersten Lebensjahre ausschließlich in einer Kleinfamilie verbracht haben“, schreibt Remo Largo in „Babyjahre“, in dem er auch definiert, was man unter „qualitativ gut“ verstehen sollte.

DAS KIND TRÄGT JA IMMER NOCH WINDELN. MAN MUSS FRÜH ANFANGEN MIT DEM TÖPFCHENTRAINING!

„Irgendwann zwischen Ende des ersten und Anfang des zweiten Lebensjahres – mit großer individueller Varianz – sind die neuronalen Voraussetzungen so weit ausgereift, dass die meisten Kinder jetzt Harn- und Kotdrang spüren“, sagt Gabriele Haug-Schnabel von der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen. „Eine zu frühe und damit überfordernde Erziehung oder Druck, der über Strafen auf das Kind ausgeübt wird, behindern diesen Entwicklungsschritt. Um Blase und Darm wirklich kontrollieren zu können, ist jedoch ein vier bis fünf Jahre dauernder Reifungsprozess nötig. Er ist bei jedem Kind genetisch festgelegt und damit weder im Ablauf noch in der Geschwindigkeit durch Training beeinflussbar.“

KINDER BRAUCHEN SONNE! WIR HABEN EUCH AUCH DEN GANZEN SOMMER OHNE HUT UND UV-SCHUTZ-HEMDCHEN DRAUßEN HERUM LAUFEN LASSEN!

„Kinder heutzutage ungeschützt in die Sonne zu lassen ist ein Verbrechen. In der Kindheit besteht eine besondere Anfälligkeit für Schädigung durch die Sonne, die später für die Entstehung von schwarzem Hautkrebs relevant sein kann“, sagt Eckhardt Kämpgen, Dermatologe aus Mitte. „Diese Erkrankung ist, vor allem wenn sie spät erkannt wird, tödlich. Natürlich gibt es die, die sagen, dass das UV-Licht wegen der Vitamin-D-Produktion wichtig ist, aber dafür reichen 20 Minuten und auch nicht in der prallen Sonne. Kinder sollten nicht der Mittagssonne ausgesetzt sein und von Frühling bis Herbst mit Sonnenschutz eingeschmiert werden.“

KINDER MÜSSEN ALLES AUFESSEN, SONST GIBT ES SCHLECHTES WETTER. UND GESPIELT WIRD AUCH NICHT MIT DEM ESSEN.

„Kinder sollten immer Begründungen bekommen, sie müssen das Erziehungsverhalten der Eltern oder Lehrkräfte als sinnvoll erleben“, sagt Bettina Hannover, Psychologin an der Freien Universität Berlin. „Jedes Kind weiß bereits, dass Aufessen und Wetter nicht zusammenhängen – da machen sich die Erziehungspersonen nur unglaubwürdig, wenn sie so etwas sagen. Also wenn das Kind aufessen soll, dann bitte sachlich richtig begründen, etwa weil der Salat sehr gesund ist. Wenn ein Kind mit dem Essen spielt, dann ja meist, weil es nicht aufessen mag oder sich langweilt. Besser fragen: Warum spielst du mit dem Essen herum, anstatt zu essen? Und dann auf die Antwort des Kindes wieder mit einer sachlich angemessenen, ernsthaften Antwort reagieren.“

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