Berlin : Kinderglück statt Kinderlast

Ein Forum aus Prominenten will mit Unterstützung von Unicef die Mentalität der Deutschen ändern

Elisabeth Binder

Erfolgreiche Karrierefrauen, Mütter mit langen Haaren und gut sitzenden Designer-Anzügen bevölkerten den Plenarsaal der Akademie der Künste an diesem Vormittag der Bekenntnisse. „Ich empfinde meine Kinder jeden Tag als Bereicherung und Herausforderung, als größtes Lebensglück und größtes Liebesglück“, rief die Schauspielerin Maria Furtwängler in den Raum. Großer Applaus, denn die Teilnehmer des Forums „Deutschland für Kinder“, die gestern dort zu einer Auftaktveranstaltung zusammengekommen waren, wollen nichts weniger, als einen grundlegenden Mentalitätswandel herbeiführen. „Warum kommen uns Kinder immer wie ein Armutsrisiko vor, wenn sie gleichzeitig als Zukunft der Gesellschaft beschworen werden?“ fragte Unicef-Botschafterin Sabine Christiansen, die damit einen grundlegenden Widerspruch anriss, der später immer wieder aufgegriffen wurde.

Für die Grundsatzrede hatte man Alt-Bundespräsident Roman Herzog eingeladen. Er wisse nicht, ob es ein allzu großer Schaden für die Welt sei, wenn das deutsche Volk nur deshalb ausstirbt, weil es sich nicht ausreichend fortpflanze, sagte er. Was diese Gesellschaft den Kindern schuldig ist, führte er in aller Deutlichkeit auf, ein Leben ohne Gewalt und Armut, in dem Urvertrauen und Lebens- und Leistungsfreude vermittelt werden. Aus seiner Sicht könnte es sinnvoll sein, die Rechte und den Schutz der Kinder in die Verfassung aufzunehmen, aber das allein reiche nicht. Auch Vermieter, Arbeitgeber, Nachbarn seien gefordert: „Man muss den Meinungstrend umdrehen. Deshalb bin ich hier.“

Dass es nicht leicht wird, einen Bewusstseinswandel zu schaffen, sondern „dreimal schwieriger, als ein Gesetz zu beschließen“, betonte Familienministerin Renate Schmidt. Kinder sollten nicht mehr als Mühsal und Plage dargestellt werden: „Denn sie sind Glück, Lebensfreude und die Zuversicht, dass was von uns bleibt.“ Wie die niedersächsische Familienministerin Ursula von der Leyen, wollte Schmidt aus diesem Thema ganz bewusst kein Wahlkampf-Duell machen. Da nickten auch Ekin Deligöz, die grüne Vorsitzende der Kinderkommission, und Silvana Koch-Mehrin, die FDP-Vorsitzende im Europa-Parlament.

Die beiden anwesenden Unicef-Junior-Botschafter hätten ihnen das auch nicht durchgehen lassen. Der 14-jährige Marian Brehmer forderte eine Abkehr „von den leeren Versprechungen und dem monatelangen Rumfummeln an einzelnen Formulierungen“, wo doch so viel getan werden müsse. Auch die 13-jährige Hannah Pool, die vor zwei Jahren noch Bundeskanzlerin werden wollte, jetzt aber lieber „irgendwas bei Unicef“, forderte mehr Tempo bei den Verbesserungen für Kinder: „Was nützt mir ein Spielplatz in zehn Jahren?“ Sabine Christiansen zeigte ebenfalls Ungeduld mit der politischen Langsamkeit bei diesem drängenden Thema: „Jedes zehnte Kind bei uns lebt in relativer Armut.“

Gerade am Anfang des Lebens, wo viele Familien überfordert seien, müsse der Staat Hilfe anbieten, sagte die siebenfache Mutter von der Leyen. Dass immer weniger „hochqualifizierte Männer und vor allem Frauen Kinder in die Welt setzen“, erwähnte auch Roman Herzog.

Karrierefrauen mit Kindern, wie hier reichlich anwesend, stellen vor diesem Hintergrund eigentlich eine aussterbende Gattung dar. Das ließen sie sich nicht anmerken, zeigten sich kampfentschlossen. Und die Kinder auf dem Emblem der Aktion, ein schwarzes, ein rotes und ein goldenes, hüpfen sehr viel fröhlicher, als es der Ernst der Lage eigentlich zuließe. Kinderwahlrecht? Da war die Stimmung eher skeptisch. Kinder in die Verfassung? Hierfür fanden sich viele Stimmen. Ob Marian und Hannah das noch erleben werden?

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