Berlin : Kindermäßig scheinnaiv

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Kleine Kinder tun sich manchmal ganz doll weh. Dann werden sie in der Babysprache ganz doll getröstet. Sie haben ihre Eltern ganz doll lieb und freuen sich ganz doll über ganz viele Geschenke. Größere Kinder haben total viel Stress oder total viel Spaß. Klamottenmäßig sind sie total wählerisch. So reden eben Kinder und Jugendliche. Doch warum müssen es Erwachsene – Politiker eingeschlossen – unbedingt nachmachen?

Erst verfallen sie scherzhaft in die Kinder und Jugendsprache, dann wird es unmerklich zur Gewohnheit. Uwe Doering (Linkspartei/PDS) rief neulich in einer wirtschaftspolitischen Debatte des Abgeordnetenhauses den Bundestagswahlkampf in Erinnerung: „Ein Herr von Siemens war bei Angela Merkel beratungsmäßig aktiv.“ Mäßig, sehr mäßig ist hier nur die Sprache. Macht nichts, das fällt niemandem mehr auf. „Es wird einfach gießkannenmäßig gefördert“, kritisierte der FDP-Fraktionschef Martin Lindner, der doch sonst oft rhetorisch zu glänzen versteht, in derselben Debatte. Staatssekretär Hans Stimmann (Senatsbauverwaltung) bezeichnete vor nicht allzu langer Zeit bestimmte Grundstücksverträge als „total seriös“. Was sollten sie denn sonst sein? Er hat ja wohl keine unseriösen Verträge unterschrieben.

Überhaupt scheint das gute alte Wörtchen „sehr“ aus der Mode zu kommen. Sonst würden Politiker nicht so gern erzählen, dass sie sich ganz doll freuen, ganz doll ärgern oder ganz doll bemühen. Selbstverständlich haben sie ganz viele Sorgen und leider ganz wenig Geld. „Das kostet natürlich auch ganz viele Millionen“, meinte Sibylle Meister (FDP) vor dem Parlament. „Das erwarten wir ganz deutlich von Frau Knake-Werner“, sagte Ramona Pop (Grüne) an die Adresse der Berliner Sozialsenatorin.

„Das kann man ja ganz doll bereden“, hörte ich eine Potsdamer Lehrerin im Rundfunk sagen. Sie muss die kindliche Sprache verinnerlicht haben. In dem Interview ging es um einen Schulversuch mit einheitlicher Schulkleidung. Die Lehrerin bemerkte auch: „Die Wünsche der Kinder wurden in der Auswahl einbezogen.“ Sicher hat sie sich nur versprochen, aber ein Schnitzer ist es doch. Das Verb einbeziehen steht nun mal mit dem Akkusativ. Die Wünsche der Kinder wurden in die Auswahl der Schulkleidung einbezogen oder bei der Auswahl berücksichtigt. Dies aber nur nebenbei. Die Grammatik ist ja ein Kapitel für sich.

Oft langweilen uns Politiker mit holprigem Bürokratendeutsch. Gut, wenn sie es meiden und sich allgemein verständlich ausdrücken. Nur ist die Anleihe bei der Jugendsprache ein seltsames Mittel. Die Scheinnaivität geht einem bloß auf die Nerven.

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