Berlin : Kindermodenschau: Winke winke nicht vergessen

Katja Füchsel

Rote Luftballons tanzen um den Kopf der Modenschau-Chefin. Die Enden der Schnüre sind - gut einen Meter tiefer - um die Handgelenke von Arno, Desiree, Anika und Taalea gewickelt. Eine Modenschau liegt hinter ihnen, doch am Ende haben die Kinder vergessen zu winken. Der nächste Auftritt soll planmäßig laufen. "Ihr geht also zum Schluss noch einmal nach vorne ..." Die Frau vom "Trend Moden Show Team" spricht gegen das Kindergebrabbel an. Taalea, Desiree und Anika tuscheln, Arno jault einem Ballon hinterher, der in Richtung Decke entschwindet. Der Ton hinter der Bühne wird schärfer: "Hey! Hallo! Ruhe! Zuhören!" Es ist eng und zugig. Immer wieder steuern die Kinder einen Tisch in der Ecke an: Apfel-und Orangensaft, Bonbons und Gummibärchen.

Cindy Jeme lächelt, doch in ihrem Lächeln liegt eine leichte Anspannung. Die Chefin der "Talente Agentur Cool Kids" weiß, dass der Ausgang des Tages ungewiss ist. "Je kleiner die Kinder sind, desto größer das Risiko", sagt die 34-Jährige. Ein Dreijähriger ist heute dabei, eine Vierjährige, ein Fünfjähriger. Außerdem haben die jungen Modelle einen Marathon mit drei Auftritten vor sich, von 12.30 Uhr bis nach 19 Uhr. Und Can, der Jüngste der sechs, stimmt nicht gerade optimistisch: Als sich die anderen in einer Reihe aufstellen, klammert sich der Junge an die Beine seiner Mutter, Tränen fließen, aber an Aufgeben ist nicht zu denken. "Übungssache", sagt der Vater.

Vor der Bühne im Modegeschäft Lindex im Kranzler-Eck wird die Menschentraube immer dichter. Pop-Musik dröhnt aus den Boxen, ein Moderator wünscht "viel Spaß bei der Modenschau". Eltern und Kinder drücken sich an die Wand, als zunächst die erwachsenen Models an ihnen vorbeilaufen. "Toi, toi, toi!", sagt ein Mannequin und zwinkert dem Nachwuchs zu. Zurück vom Laufsteg sprintet sie mit ihren Kollegen durch den Raum, um sich für die nächste Runde umzuziehen. Desiree kann vor Aufregung ihre Beine kaum noch stillhalten, und scheint sich dabei mit ihrer Großmutter nicht viel zu nehmen: "Das ist ein Erlebnis für die Kinder!", ruft sie, dann leuchtet der Aufnahmeknopf der Videokamera.

Als die Frau vom Modenschau-Team den Einsatz gibt, nehmen die Kinder den immer noch unglücklich dreinschauenden Can in die Mitte und sich gegenseitig an die Hände. Dann stehen die kleinen Mannequins im Scheinwerferlicht. Die Mütter vor der Bühne winken, lachen, filmen. Die Kinder strahlen. Das Konzept scheint aufzugehen: "Guck mal, sind die süß!", geht es durchs Publikum: als Taalea mit ihrem Lockenkopf wild entschlossen nach vorne stapft, die sechsjährige Anika kokettierend mit der Zunge zwischen den Zähnen spielt, Can schüchtern seinen Eltern zuwinkt ... Cindy Jeme wirkt zufrieden: "Kinder kommen immer an. Das muss man nicht trainieren."

Die "Cool Kids"-Chefin hat früher selbst als Mannequin gearbeitet, war dann in einer Model-Agentur beschäftigt, bevor sie sich vor drei Jahren selbstständig machte. Jeme betrat Neuland: "Damals gab es in Berlin noch keine Kinder-Agentur", sagt sie. Inzwischen führt die dunkelhäutige Frau etwa tausend Kinder in ihrer Kartei, außerdem beherbergt "Cool Kids" jetzt eine Schauspielschule. Ebenfalls in der Kartei: Fabian (9) und Sarah (10), die Kinder der Chefin. Wer in ihrer Agentur Karriere macht, entscheiden aber die Kunden, sagt Jeme. "Ich schicke ihnen die Set-Cards, also die Fotos mit den Daten, zu, sie wählen die Kinder aus."

Es ist wie bei den Erwachsenen: Manche Models entwickeln sich schnell zu den Zugpferden der Agentur, andere warten ewig, um in den Kreis der Auserwählten aufgenommen zu werden. Das "Trend Moden Show Team" hat sich für Jemes Sohn entschieden: Der Neunjährige wirkt zwischen den Zwergen auf der Bühne fast erwachsen und völlig unbeeindruckt. Gewissermaßen ein Profi, der schon als Kleinkind Modell gestanden hat. Es ist Fabians vierter Auftritt allein in diesem Jahr, die Schau bringt ihm 450 Mark ein. "Von seiner ersten Gage hat er sich ein Fahrrad gekauft", sagt die Mutter. "Jetzt wandert das Geld aufs Sparkonto." Dass die Kinder das verdiente Geld auch bekommen, ist offenbar nicht selbstverständlich. Zuweilen steckten die Eltern die Gagen in die Familienkasse, vor allem "bei den Kleinen", sagt Jeme. "Das weiß er ja nicht", hört sie die Erwachsenen dann sagen.

Den ersten Durchgang hat Can in Jeans und Turnschuhen tapfer hinter sich gebracht, als er dann aber zum zweiten Mal mit Anzug und Fliege auf die Bühne soll, sucht er weinend auf dem Arm der Mutter Zuflucht. Also doch aufgeben und vor der nächsten Schau nach Hause fahren? "Ach was, wir werden ihn überreden: bei McDonalds", winkt der Vater ab. Taalea, die kürzlich als Kandidatin für einen Werbespot der Firma Eon in der letzten Runde ausgeschieden ist, findet die Prozedur eher lustig. "Anziehen, ausziehen, anziehen, ausziehen", stöhnt die Vierjährige - und kichert.

Für die meisten ist die Modenschau eine Premiere. Anika, die seit einem Jahr eine "Set-Card" in der "Cool-Kids-Agentur" besitzt, stand bereits vier Mal auf der Bühne, einmal ist sie bei der Fernsehsendung Löwenzahn aufgetreten. "Dass die Leute klatschen, ist toll", sagt die Sechsjährige. Lukrativ, erzählt die Agentin, wird das Geschäft, wenn das Werbefernsehen anfragt. Wie beispielsweise bei Konstantin (8), der kürzlich für einen Drehtag 2500 Mark erhielt. Und bei Florian (12) belief sich Gage für einen fünfteiligen Werbespot auf 6000 Mark.

Niemand weiß, was in Cans Burger oder Milchshake war. Aber beim zweiten Auftritt entwickelt sich der Junge zur Überraschung des Tages: Can geht strahlend auf die Bühne, erst in Jeans, dann mit Schlips. Steht da, winkt, lacht. Vom Steg muss er beinahe gezogen werden. "Und den Anzug will er auch nicht mehr ausziehen", sagt der Vater.

Die Gefahr ist gebannt. Auch am Abend, kurz vor dem letzten Auftritt, schallt noch Geplapper und Gekicher aus dem Raum hinter der Bühne. "Fix und fertig" ist dafür Cindy Jeme. Sie hat viele Eltern kommen und gehen gesehen. Stolze Mütter. Eitle Väter. Junge und alte, arme und reiche. Akademiker und Arbeiter. Eines allerdings, sagt die Agentur-Chefin, kann die Karriere der kleinen Klienten zerstören, bevor sie überhaupt begonnen hat: verbissener Ehrgeiz. Wie beispielsweise bei der Mutter eines Dreijährigen, die ihr Kind festhalten wollte, als es sich nicht fotografieren ließ. Unwillige Modelle verärgern die Kunden und sind schlecht fürs Geschäft, deshalb schickte Jeme die Frau nach Hause. "Wenn ein Kind keine Lust hat, hat es keinen Sinn", sagt sie. Ein beruhigender Gedanke.

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