Berlin : Kinderpornografie: Justiz erwartet mehr als 700 Verfahren

Der Handel mit Bildern und Videos floriert Wer die Verdächtigen sind, halten die Behörden geheim

Susanne Vieth-Entus,Jörn Hasselmann

Von Susanne Vieth-Entus

und Jörn Hasselmann

Die Berliner Staatsanwaltschaft erwartet bis Jahresende über 700 Verfahren im Bereich Kinderpornografie. Dies teilte Justizsprecherin Andrea Boehnke am Donnerstag auf Anfrage mit. Wie viele Lehrer oder Erzieher unter den Verdächtigen sind, konnte die Behörde nicht sagen. Unbekannt ist auch, inwieweit diese Fälle mit jenen identisch sind, die bei der weltweiten Kinderpornografie-Fahndung „Marcy“ aufgedeckt wurden.

Wie der Tagesspiegel berichtete, sind zurzeit vier Berliner Lehrer vom Schuldienst suspendiert, weil sie im Internet Kinderpornos konsumiert und zum Teil in großem Umfang gespeichert hatten. „Wir haben die Schulverwaltung gebeten, uns die Namen der Lehrer zu nennen, damit wir sie in unseren Akten ausfindig machen können“, sagte Boehnke. Dann könne man vielleicht Einzelheiten zu den Tatvorwürfen nennen. Die Schulverwaltung wollte von sich aus keine Informationen zu den Fällen weitergeben und nicht einmal sagen, in welchem Bezirk die Lehrer tätig waren. Sie erklärte auch nicht, warum einer der Betroffenen noch drei Monate lang unterrichten durfte, nachdem die Polizei bei ihm belastende Unterlagen beschlagnahmt hatte.

Beim Landeskriminalamt beschäftigt sich im Fachdezernat „Sexualdelikte“ ein spezielles Kommissariat mit der Aufdeckung von Vergehen im Bereich Kinderpornografie. Laut Dezernatsleiter Oliver Knecht gab es im vergangenen Jahr elf Fälle, bei denen wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern zur Herstellung von Kinderpornos ermittelt wurde. In den vergangenen Jahren waren es jeweils ebenfalls „nur“ 10 bis 20 Fälle pro Jahr – von denen fast alle aufgeklärt wurden. Dies allerdings nicht, weil die Polizei so „gut“ ist, sondern weil das Dunkelfeld sehr groß ist – die meisten Taten werden nie bekannt und finden deshalb keinen Weg in die Statistik.

In der Berliner Kriminalstatistik wird der Handel mit Kinderpornografie erst seit dem Jahr 2000 separat erfasst. Seitdem steigen die Zahlen deutlich: Bei dem – schärfer bestraften – Handel mit Bildern oder Videos von 110 (2000) auf 308. Bei dem geringer bestraften Besitz von verbotenen Bildern ist die Zahl der erfassten Straftaten dagegen stark gesunken. Von 84 bzw 85 in den Jahren 2000 und 2001 auf nur noch 34 im Jahr 2002. Dass der bloße Besitz so selten ist, hat einen einfachen Grund: Die Szene lebe vom Tausch verbotener Bilder, sagt Knecht, und wer tausche „handele“ im juristischen Sinne.

Wenn es sich bei den Verdächtigen um Beamte oder gar Lehrer handelt, informiert die Polizei von sich aus die betroffenen Behörden, die dann entscheiden, ob die Vorwürfe für ein Verbot der Amtsausübung reichen. Allerdings erfährt die Öffentlichkeit davon nichts – die Berliner Justiz schützt Täter stärker als andere Bundesländer. So wurde in vielen Ländern und Städten nach der „Marcy“-Durchsuchungsaktion bekannt, wie viele Lehrer, Erzieher oder Pfarrer sich unter den Verdächtigen befinden. Teilweise wurde auch ihr Alter bekannt – in Berlin hält die Justiz sämtliche Angaben geheim. „Marcy“ hat seinen Namen von dem bei Magdeburg wohnenden Marcel K., der den Pornoring im Internet organisiert haben soll und der Ausgangspunkt der Ermittlungen war. Bei Marcel K. fanden die Ermittler die E-Mail-Adressen unter anderem von 24 Berliner Männern.

Angesichts der großen Zahl von Zugriffen auf entsprechendes Bildmaterial im Internet müsse man feststellen, dass offenbar eine sehr große Zahl von Menschen Interesse am sexuellen Missbrauch von Kindern haben, sagte Kriminaloberrat Knecht. Diese Klientel sei ständig auf der Suche nach neuen Bildern, nach immer drastischeren Darstellungen. „Da geht es nicht um Fotos von jungen Mädchen am Strand. Da gibt es nichts, was es nicht gibt“, berichtet Knecht. Selbst der sexuelle Missbrauch von vier Monate alten Säuglingen werde angeboten.

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