Berlin : Kinderschutz: Heftige Kritik an Sozialsenatorin

Susanne Vieth-entus

Auf harsche Kritik stößt der Vorschlag von Gesundheits- und Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (PDS), der Verwahrlosung von Kindern schwerpunktmäßig mit Hilfe so genannter Familienhebammen vorzubeugen. Da 40 Prozent der Berliner Mütter überhaupt keine Hebamme nach Hause holten, gehe Knake-Werners Vorschlag „völlig am Thema vorbei“, urteilt der Ärztliche Leiter im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst Mitte, Matthias Brockstedt. Auch der Bundesverband der Kinderärzte erteilte dem Vorhaben gestern eine klare Absage.

„Die Hebammen sind für diese Aufgabe gar nicht qualifiziert“, kritisiert Stephan Eßer, Geschäftsführer des Kinderärzteverbandes. In den Familien, denen man helfen müsse, gebe es eine derartige Fülle von Problemen, dass nur Sozialarbeiter damit fertig werden könnten.

Hintergrund der Diskussion sind die gehäuft beobachteten Fälle von verwahrlosten Kindern in Berlin und Brandenburg. Knake-Werner spricht sich für so genannte Familienhebammen aus, die nicht nur die unmittelbare Geburtsvor- und -nachsorge leisten, sondern auch die gesamte Familiensituation erfassen und Hilfsangebote organisieren sollen. Dieser und andere Vorschläge sollen jetzt von einer Senats-Arbeitsgruppe auf ihre Verwertbarkeit für ein „Netzwerk Kinderschutz“ abgeklopft werden.

Vertreter der Ärzteschaft in dieser Arbeitsgruppe ist Matthias Brockstedt, der auch Lehrbeauftragter für Kinderheilkunde der Charité ist. Er verweist darauf, dass Hebammen nur 60 Prozent der Familien erreichen; von den Problemfamilien sogar nur 20 Prozent. Türkisch- oder arabischstämmige Eltern etwa zögen eher die Entbindung in Kliniken vor.

Und noch ein Argument hat Brockstedt gegen das System „Familienhebamme“: Da sie von den Krankenkassen bezahlt würden, könnten Mütter ohne Krankenversicherung sie gar nicht in Anspruch nehmen.

Knake-Werners Sprecherin Roswitha Steinbrenner lässt diesen Einwand nicht gelten, da Mütter nur im Ausnahmefall nicht krankenversichert seien. Dem aber widersprechen die Erfahrungen in Mitte: Allein im Jahr 2005 seien dort im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst 503 Kinder ohne Krankenversicherung behandelt worden, sagt Brockstedt. „Die Sozialverwaltung kennt die Realität nicht“, kritisiert er. Er habe oftmals mit Fällen zu tun, in denen beispielsweise der krankenversicherte Vater die Vaterschaft nicht anerkennt: Schon stehen Mutter und Kind ohne Versicherung da.

Anstatt sich auf Familienhebammen zu stürzen, die zunächst aufwändig weitergebildet werden müssten, plädiert Brockstedt dafür, die vorhandenen Ressourcen zu nutzen, etwa die Sozialarbeiter der Gesundheitsdienste. Ihre Hausbesuche bei Neugeborenen seien „durch nichts zu ersetzen“. Anders als andere Bezirke führt Mitte diese Besuche weiterhin möglichst flächendeckend durch: Rund 90 Prozent aller Mütter mit Säuglingen wurden zu Hause aufgesucht, wobei in 46 Prozent der Fälle finanzielle, rechtliche oder psychosoziale Probleme festgestellt wurden. Andere Bezirke waren dazu übergegangen, viele Familien gar nicht mehr oder nur noch telefonisch zu kontaktieren.

Damit soll es jetzt aber ein Ende haben: Die Bezirke sind sich darin einig, dass sie künftig nur Hausbesuche als „Erstkontakt“ werten, nicht aber einen Telefonanruf. Auch das ist eine Folge der Diskussion über die Kinder-Verwahrlosung.

Welche Rolle Hebammen und Sozialarbeiter künftig spielen werden im „Netzwerk Kinderschutz“, wird sich im Februar andeuten, wenn die Arbeitsgruppe des Senats erste Ergebnisse vorlegt.

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