Kinderschutz : Tausend Mal zum Handeln ermutigen

Effektiver Schutz braucht Werbung: Eine Agentur entwarf kostenlos Plakate, eine Firma stellt gratis Werbewände.

Florian Höhne

Es waren Zeitungsartikel, die Stefanie Hanssen so stark berührten, dass sie etwas für den Kinderschutz tun wollte. Die Inhaberin der Werbeagentur Gronewald und Mutter eines Sohnes hatte von Eltern gelesen, die ihre Kinder verhungern lassen, von einer Mutter, die das eigene Kind mit Essig verätzte. Hanssen hatte schon ehrenamtlich in Schulklassen vorgelesen. Doch sie wollte mehr tun, „etwas Lauteres, mit mehr Öffentlichkeit“, wie sie sagt. So setzte sie sich Anfang des Jahres mit Beate Köhn von der Berliner Hotline Kinderschutz zusammen und überlegte, wie sie mit ihrer Agentur helfen könnte. Nach nur gut zwei Monaten stand das Konzept für die Werbekampagne, Sponsoren waren gefunden: Das Werbeunternehmen Berlin Plakat stellte beispielsweise kostenlos die Großwerbewände bereit, auf denen die Plakate mit vier Motiven bis Jahresende zu sehen sein werden. Insgesamt können 1000 Plakate geklebt werden – mit gleichzeitig etwa 50 Werbewänden. Die Plakate sollen besonders dort hängen, wo es am nötigsten erscheint – also in den Berliner Problemkiezen. Stefanie Hanssens Agentur Gronewald entwarf unentgeltlich die Motive.

Die Werber wollten es anders machen als bisher, sie wollten auf keinen Fall Fotos von misshandelten Kindern zeigen. Das Ergebnis sind schemenhafte Darstellungen von einem Mensch, daneben ein kurzer Text mit Zahlen. Die Bilder sehen aus wie Kreidezeichnungen auf einer Tafel, sie könnten aus Kinderhand stammen. Auf einem kauert ein Kind in der Ecke, dicke Kuller daneben, die Tränen sein könnten. „Seit 8 Monaten wird sie vernachlässigt. Seit 8 Monaten hilft ihr niemand. Und Sie?“, fragt der Text daneben und nennt die Nummer der Kinderschutz-Hotline.

Viele Nachbarn würden bei der Hotline nicht anrufen, weil sie keine Denunzianten sein wollen und weil sie niemanden zu Unrecht verdächtigen wollen, sagt Stefanie Hanssen, „Mit den Plakaten wollen wir vermitteln: Lieber einmal zu wenig zögern als einmal zu viel.“ Wenn ein Kind über Wochen weint oder angebrüllt wird, nehmen Nachbarn das oft lange hin, sagt auch Beate Köhn, Sprecherin der Hotline Kinderschutz. „Die Plakate halten das Thema Kinderschutz in der Öffentlichkeit präsent“, sagt Köhn.

Seit Mitte Mai hängen bereits die ersten „Werbe“-Plakate in Berlin, die Nachbarn und Betroffene zum Handeln bringen und auf das Angebot der Hotline aufmerksam machen sollen. Unter der Nummer 61 00 66 kann seit Mai vergangenen Jahres rund um die Uhr anrufen, wer sich um ein Kind sorgt.

Die Hotline Kinderschutz ist die zentrale Nummer der Berliner Jugendämter. Sie ist angebunden an den Kindernotdienst im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Über die Nummer sind Kinderschutzberater rund um die Uhr erreichbar. Die Anrufer können auf Wunsch dabei anonym bleiben.

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