Kindertagesstätten : Trickserei bei Ganztagsplätzen

Die Bezirke legen das Kita-Gesetz rigide aus, wodurch Vollzeitbetreuung erschwert wird. 300 Eltern schreiben einen Protestbrief an den Jugendsenator.

Susanne Vieth-Entus

Berlin spart bei den Kita-Kindern. Einige Bezirke versuchen offenbar, die Vergabe kostspieliger Ganztagsplätze einzudämmen und Eltern verstärkt mit Teilzeitplätzen abzuspeisen. Dies ist die Beobachtung von Familien und Kitaträgern. Jetzt haben sich mehr als 300 Eltern mit einem offenen Brief an Jugendsenator Jürgen Zöllner (SPD) gewandt und gegen die „rigide“ Vergabepraxis protestiert. Alle Fraktionen im Abgeordnetenhaus erklärten gestern, das Problem sei inzwischen erkannt und müsse gelöst werden.

Ursache der strengeren Vergabepraxis ist das Kitareformgesetz von 2005. Es legte fest, dass Arbeitslose im Prinzip keinen Anspruch auf eine Ganztagsbetreuung für ihr Kind haben. Zwar gibt es die Möglichkeit, eine Ganztagsplatz zu bekommen, wenn man einen Bedarf aus „familiären oder sozialen Gründen“ nachweisen kann. Die betreffenden Familien – etwa Migranten oder bildungsferne Schichten – wissen aber oftmals gar nichts von dieser Möglichkeit, obwohl gerade ihre Kinder einen intensive Förderung in der Kita besonders nötig hätten.

Selbst dann, wenn diese Familien ihre Rechte kennen, ist noch nicht garantiert, dass sie einen Ganztagsplatz bekommen, denn viele Bezirke nutzen ihren Ermessensspielraum aus, indem sie die Antragsteller zurückweisen. „Pankow beispielsweise denkt gar nicht daran, Migrantenfamilien Ganztagsplätze zu bewilligen“, hat etwa Regina Schallenberg-Diekmann beobachtet. Sie ist pädagogische Geschäftsführerin des Kitaträgers INA, dessen Eltern jetzt auch den Protestbrief an Zöllner verfasst haben.

Die Eltern beschreiben die Folgen der ihres Erachtens „immer rigideren“ Vergabepraxis. „Sprachförderung ist nur noch sehr eingeschränkt möglich, wenn das Kind keinen Vollzeitplatz mehr hat“, heißt es in dem Brief. Sie beklagen auch, dass Kinder, die zunächst einen Ganztagsplatz hatten, plötzlich früher als ihre Freunde nach Hause gehen müssen, weil die Eltern in der Zwischenzeit arbeitslos geworden sind oder sich im Erziehungsurlaub mit jüngeren Kindern befinden.

„Die Ganztagsplätze sind tatsächlich zurückgegangen“, bestätigt Margrit Barth, jugendpolitische Sprecherin der Linkspartei, die Beobachtungen der Eltern. Deshalb werde die entsprechende Verordnung geändert. Ziel sei es, die rigide Vergabepraxis zu unterbinden.

Dies allerdings dürfte nicht im Sinne der Finanzpolitiker sein. Sie hatten wiederholt beanstandet, dass früher einige Bezirksämter nahezu flächendeckend Ganztagsplätze bewilligten, weil sie – bei sinkenden Kinderzahlen – ganz froh waren, ihre Erzieherinnen zumindest rein rechnerisch auszulasten. Es gab auch Zeiten, in denen Eltern von Kitas mit Nachdruck „gebeten“ wurden, Ganztagsplätze auch ohne entsprechenden Bedarf zu beantragen, weil es für die Kitas die Personalplanung erleichtert, wenn sie viele Ganztagskinder haben. Die Kinder wurden dann zwar mittags abgeholt, aber die Erzieherinnen wurden trotzdem voll bezahlt. Diesem Missbrauch wollte die Koalition mit der Reform begegnen.

Die CDU fordert angesichts der jüngsten Erfahrungen, die Bedarfsprüfung abzuschaffen. Susanne Vieth-Entus

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben