Kindertheater, Berlins wahre Volksbühnen : Grips und Co: Klein oder nicht klein?

Kinder- und Jugendtheater sind gar keine richtigen Theater? Völlig falsch! In Berlin zeigen fünf Häuser teils seit Jahrzehnten, dass sie die wahren Volksbühnen sind: immer mit dem Ohr an der Straße. Das ist nicht nur für den Nachwuchs interessant.

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Von wegen: So’n Bart! In Armin Petras’ Bearbeitung der alten chinesischen Kreidekreis-Fabel streiten sich zwei Frauen um ein Kind – in dieser Probenszene geben die jungen Schauspieler die Richter. Das Stück hat am 7. Februar Premiere am Grips-Theater. Foto: Sebastian Dudey
Von wegen: So’n Bart! In Armin Petras’ Bearbeitung der alten chinesischen Kreidekreis-Fabel streiten sich zwei Frauen um ein Kind...Foto: Sebastian Dudey

Eine Geschichte wie diese muss einfach mit ihm beginnen. Der Mann, der das Kindertheater neu erfunden hat, sitzt im ersten Stock seines Büros am Hansaplatz. Volker Ludwig, 77, wallendes graues Seitenhaar, hellwacher Blick, erzählt, wie sein Klassiker „Max und Milli“ 1978 entstanden ist. „Ich fuhr in die Ferien und musste ein Stück für Menschen ab fünf schreiben – was das Schwerste ist.“ Er fragte sich: Welche Situation kennen alle Kinder? „Sollen schlafen gehen und wollen nicht.“ Zack, die ersten zehn Minuten fertig. Was noch? „Ein Junge hat eine kleine Schwester, die frecher und mutiger ist als er.“ Prima, zwanzig Minuten voll.

„Ich bin kein guter Dramatiker, ich komme ja vom Kabarett“, lächelt Ludwig. Aber mit pointierten Szenen einen Nerv zu treffen, darin macht ihm keiner was vor. Er hat Max und Milli dann auf den Spielplatz geschickt, wo sie einem Angeberjungen begegnen, der eigentlich nur einsam ist und Freunde sucht. Berliner Alltag. Und vielleicht wurde das Stück, das Ludwig für sein Grips-Theater schrieb, gerade deshalb ein Exportschlager. Sogar das indische Fernsehen berichtete 1986 von der dortigen Premiere. „Da war das Stück eine Revolution“, sagt er. „Zwei Brahmanen-Kinder spielen mit einem aus der zweituntersten Kaste!“ In der Realität undenkbar, auch heute noch. Doch offenbar war da etwas derartig Lebenssattes an der Vorlage, dass die auch vor Landes- und Mentalitätsgrenzen nicht haltmachte.

Dass Berlin bis heute eine Hochburg des Kindertheaters ist, hat allerdings längst nicht nur mit solchen Exportschlagern zu tun. In der Stadt gibt es rund hundert Häuser, Gruppen und Künstler, die für Kinder und Jugendliche Theater machen. Mit Menschen, Puppen und Objekten. Die Zahl schätzt Gunnar Güldner vom Jugendkulturservice (JKS), der im Auftrag und mit Unterstützung des Senats für Bildung, Jugend und Wissenschaft den Besuch von Schulklassen und Kitagruppen mit 1,50 Euro pro Kind fördert. Rund 290.000 Besuche kamen 2013, 90 Kinder- und Jugendtheater sind beim JKS für das Verfahren registriert.

Die wichtigsten Häuser, die in Berlin Menschentheater für Kinder und Jugendliche machen, das Grips, die Parkaue, Atze, Strahl und das Theater o. N., unterscheiden sich zwar ästhetisch. Eins aber haben sie gemeinsam: Sie schöpfen, wie einst Volker Ludwig für „Max und Milli“, aus der Realität ihrer Zuschauer. Mit Berlin als Resonanzboden. Ganz wie die Großen? Eben nicht. „Bürgerbühne“ ist ein Stichwort, das Stefan Fischer-Fels ins Gespräch bringt. Fischer-Fels ist seit 2011 Nachfolger von Volker Ludwig als künstlerischer Leiter des Grips. Deutschlandweit haben viele Stadttheater Gruppen aus Laien, die artikulieren sollen, was den Menschen da draußen unter den Nägeln brennt. Meist ist das der verzweifelte Versuch, sich in die Stadt hineinzuvernetzen, weil das mit dem normalen Repertoire nicht gelingt. Keins der Berliner Kinder- und Jugendtheater in Berlin hätte das nötig. Weil sie alle – und darum soll es hier gehen – von Grund auf Stadt- und Volkstheater sind.

DAS KENNT JEDER

Erst mal schauen, ob die viel beschworene Nähe zum Publikum und seinem Alltag am Grips auch heute noch so gegeben ist. Zum Proberaum gelangt man über eine Treppe hinter der Bühne. Vorbei an Theatergeschichte. Die Parfümfläschchen auf dem Medizinschrank an der Wand: stammen von den Wilmersdorfer Witwen aus dem Kultmusical „Linie 1“. Weiter die Wendeltreppe hoch, vorbei an einem Kleiderständer. Der Kittel mit dem aufgenähten Judenstern: ist aus dem Stück „Ab heute heißt du Sara“. Oben warten die Kinder, Mittagspause. Lotte ist zwölf, Flori „fast zwölf“, Hussein elf. Sie proben seit ein paar Wochen hier am Grips „Der Kreidekreis“, Regie führt Robert Neumann, auch Schauspieler am Haus. Die Kinder sitzen auf Pappwürfeln und lassen die Beine baumeln. Worum geht’s in dem Stück? „Um eine Geschichte aus dem alten China“, sagt Hussein. „Die hat auch Brecht mal geschrieben, meine Schwester hat davon ein Trauma, weil sie das in der Schule lesen musste und blöd fand“, sagt Flori. Einleuchtend. „Es geht um Kinder im Krankenhaus, die ein Stück für einen Jungen spielen, der Geburtstag hat“, erklärt Hussein weiter. „Und darum, dass seine Mutter so fürsorglich ist“, sagt Flori. Und, hat das mit eurem Leben zu tun? „Na ja“, überlegt Flori, „meine Mutter ist vielleicht nicht so, aber es gibt halt immer Probleme mit Eltern.“

Viel Grips. 2011 übergab Volker Ludwig (rechts) die künstlerische Leitung des Theaters an Stefan Fischer-Fels (links). Foto: dpa
Viel Grips. 2011 übergab Volker Ludwig (rechts) die künstlerische Leitung des Theaters an Stefan Fischer-Fels (links).Foto: dpa

Im Februar werden die jungen Schauspieler mit dem „Kreidekreis“, den der Dramatiker Armin Petras vom Dichter Klabund abgeschaut und in die Gegenwart verpflanzt hat, auf der Bühne stehen. Zeit für eine wichtige Frage: Was gefällt euch am Grips? „Dass die sich hier für Kinder einsetzen“, sagt Flori. „Ich bin auch bei der Fahrraddemo für Kinderrechte mitgefahren, da liefen die ganzen Grips-Lieder, ,Wir sind Kinder einer Erde‘ und so.“ Dass die Stücke „so wahr“ sind, findet Lotte. „Bei ,Linie1‘, diese Stationen, das ist typisch. Das kennt jeder, der aus Berlin kommt!“

1000 LEHRER AUF DER LISTE

So, wie die Kinder schnell auf Klassiker zu sprechen kommen, spricht auch Stefan Fischer-Fels zunächst von den „drei Säulenheiligen“ des Grips. „Ab heute heißt du Sara“, das Jugenddrama über die Nazizeit in Berlin, „Eine linke Geschichte“, diese Revue über die West-Berliner Studentenbewegung – und eben das U-Bahn-Musical „Linie 1“. „Alles Stadtgeschichten“, sagt der künstlerische Leiter und betont gleich, dass auch heute Stücke dicht am Leben entstehen. „Fast jede unserer Inszenierungen fußt auf Recherchen in Berlin.“ Für den „Kreidekreis“, diese im Krankenhaus angesiedelte Fabel über Erwachsene, die ihre Kinder nicht loslassen können, sind sie in Kliniken gegangen. Sie sprechen vor jeder Produktion mit Psychologen, Lehrern, Schulklassen. „Wir haben an die 1000 Kontakte zu Lehrern, die wir anrufen können“, sagt Fischer-Fels.

Auf der Bühne braucht es dann für die Verortung keine Fototapeten. Volker Ludwigs „Pünktchen trifft Anton“ etwa spielt in einer Halfpipe – und ganz klar in Berlin. Die Themen dürfen global sein. „Aber die Frage ist, was sie mit Kindern in Moabit zu tun haben.“

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