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Kinderwagenbrände : Zeitungsbote hat Alibi für Neukölln-Brand

Ein 29-jähriger Mann aus Neukölln soll in Prenzlauer Berg elf Brände in Hausfluren gelegt haben. Für den Brand in Neukölln, bei dem im März drei Menschen starben, hat ihn die Polizei aber nicht in Verdacht.

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Die verbrannten Reste eines Kinderwagens in Prenzlauer Berg. Den mutmaßlichen Brandstifter hatte die Polizei im August gefasst. Fünf Monate später erhob der Staatsanwalt Anklage. Ein 29 Jahre alter Zeitungsausträger aus Neukölln hatte gestanden, aus "Schwabenhass" Kinderwagen in Brand gesteckt zu haben.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dpa
06.01.2012 19:08Die verbrannten Reste eines Kinderwagens in Prenzlauer Berg. Den mutmaßlichen Brandstifter hatte die Polizei im August gefasst....

Der Zeitungszusteller wohnt zwar in der Neuköllner Sonnenallee, gilt aber nicht als Verdächtiger im Fall des Großfeuers vom 12. März. Damals hatten Unbekannte in einem Wohnhaus in der Sonnenallee 18 Feuer gelegt. Drei Menschen, darunter ein Baby, starben. „Der Mann hat für die Tatzeit ein Alibi“, sagte ein Ermittler dem Tagesspiegel.

Am frühen Freitagmorgen nahm die Polizei in Prenzlauer Berg den 29-Jährigen fest, der in den vergangenen Wochen mehrfach Kinderwagen in Hausfluren in Brand gesetzt haben soll. Laut Tagesspiegel-Informationen ist der Mann geständig. Das Motiv ist demnach aber noch offen. Die Polizei legt ihm elf Taten seit Mitte Juli zur Last, er soll am Sonnabend dem Haftrichter vorgeführt werden.

Die monatelange Ermittlungsarbeit der Polizei zahlt sich aus: Zivilbeamte hatten den Mann nun bei seiner gesamten Zeitungstour am frühen Morgen observiert. Jedes Haus, in dem der Zusteller Zeitungen in die Briefkästen warf, wurde anschließend kontrolliert. Als dann Mieter eines Wohnhauses in der Winsstraße um 5.30 Uhr Qualm im Treppenhaus bemerkten und die Feuerwehr alarmierten, handelten die Polizisten schnell: Die zwei Beamten löschten erst die beiden brennenden Kinderwagen im Flur, überließen der Feuerwehr den Rest und nahmen die Verfolgung auf – sie wussten ja, wen sie suchen mussten. In der Heinrich-Roller-Straße konnte der mutmaßliche Brandstifter schließlich gefasst werden. Das Feuerzeug in seiner Tasche wurde beschlagnahmt.

Der Mann wurde nach einer erkennungsdienstlichen Behandlung den Ermittlern des zuständigen Brandkommissariates des Landeskriminalamtes (LKA) überstellt. Dort wurde er mehrere Stunden von den Ermittlern vernommen. Laut Polizeisprecher Frank Millert wurden auch Spuren erfolgreich ausgewertet.

Als Zeitungszusteller hatte der 29-jährige Deutsche Schlüssel zu Dutzenden Häusern im Bezirk. In der Gegend hatte es in der Vergangenheit immer wieder trotz verschlossener Haustüren gebrannt. Wie die Ermittler auf den Verdächtigen aufmerksam wurden, wollten sie „aus ermittlungstaktischen Gründen“ nicht verraten. Sicher ist nur, dass es die erste Nacht war, in der Zivilpolizisten den Verdächtigen auf Schritt und Tritt überwacht und auch gleich auf frischer Tat erwischt haben. Häufig verraten Brandstifter sich selbst, indem sie am Tatort bleiben und vorgeben, beim Löschen zu helfen. Oder sie kehren zurück, um ihre Tat anzusehen. Die Polizei ist daher speziell geschult, auf verdächtige Schaulustige und besonders engagierte Helfer zu achten.

Der Brandstifter hatte sich diesmal möglicherweise selbst in Verdacht gebracht. In der Nachbarschaft wird berichtet, der Zusteller habe sich in der Kindertagesstätte an der Winsstraße mit einer Mutter unterhalten. Das Thema: die Brandserie in den Hausfluren der Umgebung. Dabei habe sich der Mann merkwürdig verhalten. Ob die Mutter der Polizei von ihrer Begegnung erzählt hatte, ist allerdings nicht bekannt.

Das Feuer hatte sich am Morgen rasend schnell im Flur des Hauses am südlichen Ende der Winsstraße ausgebreitet. Von den Kinderwagen blieben nur verkohlte Reste übrig. Es habe zweimal geknallt, sagt Axel, dem das Café im Erdgeschoss des Brandhauses gehört. Als seien Molotow-Cocktails explodiert. Dann verbreitete sich beißender Rauch im Treppenhaus und drang auch durch die Wohnungstüren. „Alle hier sind schockiert.“ Im Haus wohnen Familien mit Babys und Kleinkindern, etwa Birte mit ihrem Sohn, der anderthalb ist. Sie hatte eine Vorahnung, dass etwas passieren würde, erzählt die junge Mutter. „Gestern Abend habe ich die Haustür extra abgeschlossen.“ Ihren Kinderwagen schleppt sie seit längerem hoch in die eigene Wohnung, weil sie gehört hatte von den Brandstiftungen. „Ich habe irgendwie drauf gewartet, dass es passiert.“ Nun ist sie erleichtert, dass es vorbei ist.

Eine Nachbarin bleibt stehen, schaut auf die geschmolzenen Plastikreste und mag gar nicht glauben, was passiert ist. Da hatte die Polizei immer wieder angemahnt, die Haustüren nachts zu schließen. „Aber der hatte ja einen Schlüssel.“ Dass jeden Morgen ein Zusteller ins Haus kommt, daran hatte niemand gedacht. Jessika, die gegenüber wohnt, im Haus mit der Kita und einem Pizzaservice, findet es „unglaublich“. An der Tür hängt eine Warnung der Polizei mit den üblichen Hinweisen, die man auch befolgt habe. Aber den Brandstifter hätte das nicht gestoppt. „Ist ja super, dass der jetzt gefasst worden ist.“ Es ist nicht das erste Mal, dass Brandstifter durch ihre Arbeit Zugang zu den Wohnhäusern haben, in denen sie Feuer legen. Im Juli wurde der 22-jährige Sohn eines Hausmeisters verurteilt, der mehrfach im eigenen Wohnblock in Staaken Feuer gelegt hatte, in dem er als Reinigungskraft arbeitete. Nach der Tat klingelte er bei den Hausbewohnern und bot seine Hilfe beim Löschen an.

Die Aufklärungsquote bei Brandstiftung ist verhältnismäßig niedrig. 2010 war sie mit 17 Prozent auf den mit Abstand schlechtesten Wert der vergangenen zehn Jahre gesunken. Die Zahl der Taten war 2010 um knapp zehn Prozent gestiegen und in den ersten fünf Monaten dieses Jahres um 23 Prozent.

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