Berlin : Kindesentführung: Sophia führte Ermittler auf die Spur

Katja Füchsel

Die Wahl seiner Opfer traf Berto B. offenbar zufällig. Private Gründe hatten ihn am Spätnachmittag des 4. Januar in den Klüsserather Weg geführt, als ihm hier die neunjährige Sophia begegnete. Das Mädchen kam gerade vom Schulhort und wollte nach Hause. Von hinten hielt er ihr den Mund zu und schleppte sie in seinen BMW. Sophia musste sich vor dem Beifahrersitz abducken und bekam eine Decke über den Kopf. Zehn Autominuten entfernt brachte Berto B. sie in seine Wohnung in der Suhler Straße. Vier Nächte und drei Tage hielt er das Kind hier fest, missbrauchte es mehrfach.

Am heutigen Dienstag beginnt im Moabiter Kriminalgericht der Prozess gegen Berto B. Der Staatsanwalt wirft dem 36-Jährigen Freiheitsberaubung, Kindesentziehung und Missbrauch von Kindern statt. Denn der gelernte Schlosser hat der Polizei nicht nur die Entführung von Sophia gestanden. Er gab zu, bereits im Juni 1997 ein zehnjähriges Mädchen aus Hellersdorf verschleppt und sexuell missbraucht zu haben. Als im Januar Sophia in Marzahn verschwand, rechnete die Polizei schon Stunden nach der Entführung mit dem Schlimmsten, doch Berto B. setzte das Mädchen nach drei Tagen unversehrt in der Nähe eines Polizeiabschnitts aus. Bei der kleinen Hellersdorferin ging der Entführer offenbar nach ähnlichem Muster vor: Auch die zehnjährige Bianka war auf dem Weg nach Hause, als sie von dem Fremden überfallen wurde. Rund 24 Stunden hielt er das Kind im dritten Stock desselben Mietshauses fest, dann setzte er das Mädchen in unmittelbarer Nähe ihres Elternhauses ab. Der Polizei sagte Berto B., dass er sein Opfer zweimal sexuell missbraucht habe. Als dann Sophia im vergangenen Januar verschwand, war das Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt bereits eingestellt.

Sophias genaue Beschreibung zum Haus und der Wohnung führten schon wenige Tage nach ihrer Entführung auf die Spur von Berto B. Der Mann aus Brandenburg war für die Polizei ein unbeschriebenes Blatt. Er absolvierte bis zu seiner Festnahme eine Umschulung zum Hausmeister an der Lohmühlenstraße in Treptow. Ende Januar versuchte der Entführer, sich in der Untersuchungshaft umzubringen. Er hatte sich aus einem Bettlaken eine Schlinge gedreht und sich am Fenster seiner Drei-Mann-Zelle aufgehängt. Der 36-Jährige war von einem Wächter rechtzeitig gefunden und gerettet worden.

Beim Prozess wird den beiden Mädchen eine Aussage voraussichtlich erspart bleiben. Verteidiger Eckart Fleischmann geht davon aus, dass Berto B. vor den Richtern sein umfassendes Geständnis wiederholt. Er wird seit Juni in einer Nervenklinik behandelt. Ein vorläufiges Gutachten kam zu dem Schluss, dass Berto B. vermindert schuldfähig handelte.

In dem dreitägigen Prozess wird neben dem Sachverständigen auch die Mutter von Sophia zu Wort kommen, die als Nebenklägerin auftritt. Die 38-jährige Kellnerin war damals heftig kritisiert worden, als Sophia nach ihrer Freilassung Interview um Interview gab, und dadurch zeitweise sogar die Ermittlungen der Kripo ins Hintertreffen gerieten. Spekulationen, die Familie könne die Entführung nur vorgetäuscht haben, um über deren Vermarktung Geld zu verdienen, erwiesen sich aber als haltlos.

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