Berlin : Kindesmissbrauch: 9 Jahre Haft für Justizbeamten gefordert

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Ein hilfsbereiter und charmanter Mann, einer zudem, der in einer Jugendstrafanstalt arbeitete. Das schaffte Vertrauen. In mehreren Familien wurde Mario S. zu einem „guten Onkel“. Der Schein aber trog: Der 43jährige Justizobersekretär verging sich laut Anklage zwischen 1990 und 2004 an 15 Jungen im Alter von drei bis 13 Jahren. Der Staatsanwalt plädierte gestern auf neun Jahre Haft. Die meisten Nebenkläger dagegen verlangten eine deutlich höhere Strafe. „Für mich war es hundertfacher Mord an Kinderseelen“, sagte einer der Opfer-Anwälte.

Mario S. saß wie zu Beginn des Prozessen vor einem Monat mit gefalteten Händen auf der Anklagebank – stets bemüht, einen Blickkontakt zu den Opfern und deren Müttern auf der gegenüberliegenden Seite des Saales zu verhindern. Er hat die Vorwürfe in nicht-öffentlicher Verhandlung im Wesentlichen gestanden. Es blieb dem seit November letzten Jahres Inhaftierten allerdings auch kaum etwas anderes übrig. Der einstige Gefängniswärter aus Wedding hat seine Schandtaten gefilmt. Über 120 Videos beschlagnahmte die Polizei in seiner Wohnung.

Der Fall suche „an Ausmaß und Intensität seinesgleichen“, hieß es im Plädoyer des Staatsanwalts. Mario S. habe sich gezielt das Vertrauen von Müttern erschlichen, vor allem in sozial schwachen Familien. Nicht einmal vor seinem Stiefsohn und vor Kleinkindern habe er Halt gemacht, später sogar mehrere seiner Opfer zu Mittätern gemacht. Und es sei nicht abwegig, „dass es weitere Geschädigte gibt“. Von den rund 300 in der Anklage aufgelisteten Übergriffen seien dem Angeklagten 155 nachgewiesen.

Nach einem Gutachten ist der homosexuelle Angeklagte keinesfalls krankhaften Zwängen gefolgt. Er habe genau gewusst, was er tat, er sei einsichts- und entscheidungsfähig gewesen. Deshalb wären aus Sicht von Opfer-Anwälten auch neun Jahre Haft eine zu milde Strafe. „Er hat sein Einfühlungsvermögen ausgenutzt, um Beute zu machen“, sagte einer der Nebenkläger, die bis zu 13 Jahre Haft verlangten. Zudem müsse die Verhängung einer Sicherungsverwahrung geprüft werden.

Mario S., dem die Opfer-Anwälte fehlende Reue vorgeworfen haben, erklärte mit heiserer Stimme in seinem Schlusswort: „Ich schäme mich für das, was ich getan habe.“ Sein Verteidiger hatte die vom Staatsanwalt geforderte Strafe als „sehr realistisch“ bezeichnet. Das Urteil soll am Donnerstag verkündet werden. K. G.

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