Berlin : Kino aus der Kiste

Das Ende der Filmrolle: Immer mehr Lichtspielhäuser setzen auf Digitaltechnik

Lars von Törne

Die Revolution kommt in zwei schlichten, kleinen Metallkästen daher. Die stehen im Vorführraum des Kinos in den Hackeschen Höfen und sehen für den Laien aus wie ein Heimcomputer und ein Diaprojektor: unspektakulär und funktional. Dabei sind die beiden Geräte Vorboten einer Entwicklung, die manche für die größte Umwälzung im Kino seit Einführung des Tonfilms halten. Die digitale Filmpräsentation hält Einzug, und die Hackeschen Höfe sind das erste Kino Berlins, das regelmäßig einen Teil seiner Filme nicht mehr via Filmrolle, sondern per Festplatte, Server und Beamer vorführt.

Vergangene Woche hatte die Filmreihe „Delicatessen“ Premiere, Pilotprojekt eines europäischen Netzwerkes, mit dem auf einen Schlag 40 deutsche Programmkinos zwischen Kiel und Nürnberg die neue Technik eingeführt haben. Bis Jahresende sollen es mehr als 100 sein. Diese Woche lockt „Delicatessen“ mit Werner Herzogs neuem Film – übertragen nicht wie üblich von 25 Kilo schweren Filmrollen in aufwändig zu bedienenden Projektoren, sondern von einer Festplatte, die die Größe einer Videokassette hat.

Der Vorkämpfer der Umwälzung sitzt in einer Kreuzberger Büroetage. Björn Koll (37) ist Geschäftsführer der auf Dokumentarfilme spezialisierten Produktionsfirma Salzgeber und spricht statt von Revolution lieber von Evolution. Das klingt diskreter, und in diesem Fall ist es den Umstürzlern ganz recht, wenn ihr Werk sich unauffällig vollzieht. Am Anfang war die Überlegung, wie Koll für die von seiner Firma produzierten Filme, die sich an ein kleines, anspruchsvolles Publikum richten, mehr Zuschauer erreichen kann. Herkömmliche 35-Millimeter-Kopien sind teuer, in der Regel kursieren davon vielleicht fünf bis zehn Stück – während mancher Hollywoodfilm mit 1000 Kopien startet. Digitale Kopien kosten fast nichts und sind ohne großen Aufwand zu verteilen.

Also griff der Salzgeber-Chef eine Idee aus den Niederlanden auf und startete mit Hilfe europäischer Fördergelder das erste Netzwerk digitaler Kinoprojektion. Er gründete mit dem früheren Filmkopierwerk-Chef Thomas Geyer die Firma dcs, warb bei Programmkinobetreibern und stattete in der ersten Phase 40 Häuser mit der neuen Technik aus. Kleinere Kinos bekamen eine schlichte Version gratis, größere beteiligten sich an den Investitionen und bekamen hochwertigere Geräte. „Jetzt haben wir das weltweit größte Netzwerk digitaler Filmvorführung“, sagt Koll. Die Kinos verpflichten sich im Gegenzug, einmal pro Woche einen neuen Film des von Salzgeber zusammengestellten Programms „Delicatessen“ zu zeigen; ob und wie lange sie die Vorführung fortsetzen, ist ihnen überlassen. Für den Zuschauer vollzieht sich die Revolution fast unbemerkt. Ist der Film hochwertig produziert, sieht der Laie keinen großen Unterschied zu anderen Produktionen.

Hin und wieder setzten inzwischen auch große Kinos auf digitale Technik. Im Zoopalast steht bereits seit längerem ein Gerät, das bislang aber nur bei digital produzierten Filmen eingesetzt wird. So läuft hier ab 17. März der computeranimierte Spielfilm „Robots“ per Computer-Beamer. Das Cinestar im Sony-Center benutzt digitale Geräte bislang nur für Kinowerbung. Um Filme in hoher Qualität auf die großen Leinwände zu projizieren, reichen die Projektoren noch nicht aus, sagt Kinosprecher Jan Oesterlin. Früher oder später werde aber auch hier die digitale Technik die klassischen Vorführgeräte überflüssig machen.

„Delicatessen“, mittwochs, 17.30 Uhr, Kino Hackesche Höfe. Werner Herzogs „The White Diamond“ läuft täglich ab 9. März. Informationen: www.delicatessen.org. „Robots“, Zoopalast, ab 17. März

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