Kino-Macher in Berlin : Der Film meines Lebens

Hier die Multiplexe, da das Internet - wer heute davon lebt, Menschen Filme zu zeigen, muss seinen Job schon sehr lieben. Kurz vor der Berlinale haben wir Berliner Kinomacher gefragt, woher ihre Liebe kommt.

Daniel Wuschansky und Carla Molino Betreiber des „Il Kino“.
Daniel Wuschansky und Carla Molino Betreiber des „Il Kino“.Foto: Thilo Rückeis

Dreitausend? Viertausend? Bei der Frage, wie viele Filme sie in ihrem Leben schon gesehen hat, kann Carla Molino nur schätzen. „Ich gehe ins Kino, seit ich drei war“, sagt die 43-jährige Chefin des Kreuzköllner Il Kino. „Meine Eltern, beide Kino-Liebhaber, haben sich früh scheiden lassen. Viele Filme habe ich zweimal gesehen: einmal mit Mama, einmal mit Papa.“ Zum Beispiel „Es war einmal in Amerika“, den Gangster-Klassiker mit Robert de Niro. „Den kann ich immer wieder gucken, und der Soundtrack von Morricone ist toll.“ Da blitzen die großen dunklen Augen der gebürtigen Sizilianerin. Auch mit Daniel Wuschansky, sowohl ihr Geschäfts- als auch ihr Lebenspartner, hat die studierte Juristin den Film natürlich schon gesehen.

Statt wie geplant Richterin zu werden, arbeitete sie in verschiedenen Produktionsfirmen, drehte selbst Dokumentationen und betrieb in Rom einen Filmclub mit Kino und Bar, ehe sie vor sieben Jahren nach Berlin kam. Hier lernte sie Daniel kennen, der zwar auch Filmfan ist – aber „längst nicht so kinoverrückt wie Carla“, wie der ehemalige TV-Drehbuchautor sagt. Er ist der ruhige Pol. „Wir haben ganz schnell zwei Kinder und ein Kino gemacht“, sagt Carla in ihrem italienisch geprägten Deutsch, das sie gern mit ausschweifenden Gesten untermalt.

Nur Independent-Filme - in Originalsprache

Als sie vor drei Jahren mit Zwillingen schwanger war, kam sie an den leer stehenden Räumen in der Nansenstraße vorbei und sagte aus einer Laune heraus zu Daniel: „Wir machen hier ein Kino auf.“ Und das taten sie. Sie nutzten die Elternzeit, um die seit zwanzig Jahren leer stehenden Wohnräume und die Bäckerei nebenan in ein Kino mit Barbetrieb zu verwandeln. Dort, wo früher Brötchen gebacken wurden, befindet sich jetzt der Kinosaal mit 52 Plätzen. Die unverputzten Steinwände stammen noch aus der Backstube. Gezeigt werden hier nur Independent-Filme in Originalsprache. Die Auswahl treffen Carla, Daniel und Kristian Palshagen, Norweger und der dritte im Il-Kino-Team, gemeinsam. Überhaupt geht es hier ziemlich international zu.

Die Fahrradklingel: Das Zeichen zum Filmbeginn

„Wann fängt der Film an?“, fragt der Barmann, ein Australier, im Vorbeigehen. Eine junge Regisseurin, deren Filmreihe gerade gezeigt wird, fragt in französisch gefärbtem Englisch nach dem Schlüssel. An einem der Holztische sitzt eine Gruppe Briten, die bei ein paar Drinks auf die 20-Uhr-Vorstellung warten. Dann ertönt auch schon das Bimmeln einer Fahrradklingel – Zeichen für den Filmbeginn.

„Wir wollten einen gemütlichen Ort schaffen, an dem wir gute Filme zeigen – und wo es die Möglichkeit gibt, hinterher darüber zu reden“, sagt Carla. Oft komme man aus dem Kino und müsse erst mal überlegen, wo man noch etwas trinken könnte. „Wir haben den Ort dafür gleich hier.“ Oft sitzen Carla und Daniel selber mit in ihrem Kinosaal und diskutieren danach mit den Zuschauern über den Film. Trotzdem versuchen sie, etwa zweimal im Monat auch in andere Kinos zu gehen, etwa ins Neue Off, ins Babylon oder ins Rollberg.

Anfangs saßen nur vier Zuschauer im Saal

Dazu kommen noch die Filme, die die beiden spätabends gucken, um ihr Kinoprogramm auszuwählen. Tagsüber, wenn die Kinder in der Kita sind, kümmern sich Carla und ihre beiden Kollegen um Buchhaltung und Marketing. Gerade bei unbekannten Filmen, die keinen deutschen Verleih haben, saßen anfangs auch mal nur drei, vier Zuschauer im Saal. Aber spätestens seit „Ida“ kennen und schätzen die Berliner das Kino am Maybachufer: Der polnisch-dänische Außenseiter-Film war 2014 Überraschungs-Oscar-Gewinner – und das Il Kino das einzige in ganz Berlin, das den Film zeigte. Am nächsten Tag warteten hundert Leute vor der Tür.

Und wer einmal da war, kommt wieder: Wie die Frau, die eine ganze Woche lang jeden Tag „La Grande Belezza“ sah – jedes Mal mit einem anderen Mann. „Während der Vorstellung kamen die Männer immer raus, um ihr neue Gin Tonics zu bestellen.“ Carla schüttelt lachend den Kopf. Oder die Regisseure, die ihre Filme hier vorstellten und von denen einige auch zum privaten Kinobesuch auftauchen. Unter anderem haben sich Tom Tykwer, Wolfgang Becker und Edgar Reitz schon auf der „Wall of Fame“ verewigt. Leonie Langer

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