Offen für Emotionen

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Kino-Macher in Berlin : Der Film meines Lebens
Verena von Stackelberg und Marcin Malaszczak.
Verena von Stackelberg und Marcin Malaszczak.Foto: Mike Wolff

Statt Kino- herrscht Baustellenbetrieb. Kabel schlängen sich über den nackten Betonboden, Leitern und Bretterstapel stehen mitten im Raum. Kaum vorstellbar, dass in dem Eckhaus an der Weserstraße in knapp drei Monaten drei Kinosäle, eine Bar und in den hinteren Räumen ein Produktionsstudio und Büros fertig sein sollen. „Je länger ich das hier mache, desto mehr merke ich, wie verrückt ich bin“, sagt Verena von Stackelberg, während sie mit der Taschenlampe in einen der künftigen Säle leuchtet. Aber dass sie in ihrem Leben nichts anderes als Kino machen würde, war eigentlich schon immer klar – spätestens aber seit „Irréversible“. Das brutale Vergewaltigungsdrama von Gaspard Noé aus dem Jahr 2002 lief in dem Londoner Kino, in dem Verena damals als Kartenabreißerin arbeitete.

„Obwohl es ein so umstrittener Film war, strömten die Leute massenweise rein.“ Und an immer derselben Stelle, nach der extrem langen Vergewaltigungsszene im Tunnel, seien viele wieder rausgekommen, völlig außer sich. „Vier Leute wollten ihr Geld zurück, einer ist auf mich losgegangen, einer wollte die Kinobetreiber verprügeln“, sagt die 39-Jährige und guckt in die Ferne, als sei sie gerade wieder in London. „Es hat mich zutiefst fasziniert, was Kino auslösen kann. Auch wenn es damals eine negative Reaktion war. Aber dass ein Film jemandem so unter die Haut gehen, ihn so verletzlich, so weich und offen für Emotionen machen kann, hat mich begeistert.“

"Es muss für die Nachbarschaft funktionieren"

Und weil ihr das Talent zur Regisseurin fehle, sei der Filmwissenschaftlerin klar gewesen, dass sie nicht Filme machen, sondern zeigen wolle. Erst als Kartenabreißerin, später als Programmgestalterin für verschiedene Kinos und die Berlinale – und ab Ende April als Chefin ihres eigenen Kinos. Hier will sie ein gemischtes Programm zeigen, Arthouse, unbekannte Filme ohne Verleih, aber auch Hollywood-Action. „Es muss für die Nachbarschaft funktionieren.“ Vor allem will sie den Austausch zwischen Publikum und Filmemachern stärken, auch mal unfertige Arbeiten zeigen. „Viele wissen gar nicht, wie ein Filmprogramm entsteht, welche Faktoren für den Erfolg wichtig sind, welche Rolle dabei auch die Kritiker spielen. Die Produzenten dagegen haben oft keine Ahnung, was sich in den Kinos abspielt.“

Die Freunde können es kaum erwarten

Diese Grenzen will sie aufweichen – auch dadurch, dass direkt neben dem Kino Produktionsstudio und Filmwerkstatt sind, die gemietet werden können. Filmemachen und Filmegucken so nah beieinander, das gibt es nicht oft. Diesen Teil des Projekts betreut Marcin Malaszczak. Der Regisseur ist nicht nur ein Freund Verena von Stackelbergs, sondern auch ihr Berater und erster Mitarbeiter. Dass der 30-Jährige mit der großen Hornbrille und dem Karoanzug von Anfang an dabei war, sei „keine bewusste Entscheidung“ gewesen, sagt er. „Ich bin mehr so reingerutscht.“ Für beide passt das gut, sie haben einen gemeinsamen Freundeskreis, fast alle Fans und Filmemacher. „Die meisten können es kaum erwarten, dass das Kino aufmacht“, sagt der in Berlin aufgewachsene Pole, dessen Film „Sieniawaka“ 2014 zahlreiche Preise einheimste. Und die Vorbeikommenden, die fragen, was hier entsteht, freuen sich, dass es nicht noch eine Bar ist, fügt von Stackelberg hinzu. Immerhin handelt es sich hier um die Ausgehstraße Neuköllns.

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Warum eigentlich Wolf? „Ich habe einen Namen gesucht, der neugierig macht, auch was Mystisches hat“, sagt sie. „Außerdem gibt es schon ein paar Film-Tiere: den Bambi, den Berlinale-Bären.“ Dass der Protagonist ihres Lieblingsfilms, des poetisch-verwunschenen Kurzfilms „Tale of Tales“ des russischen Animationskünstlers Yuri Norstein, ein kleiner Wolf ist, sei Zufall. Den Film wolle sie auf jeden Fall zeigen. Ansonsten steht das Programm noch nicht fest. „Wir werden nicht mit einem Knall anfangen, sondern schauen, was beim Publikum ankommt, was hier entsteht.“ Das Wolf Kino soll ein Prozess sein, im Werden bleiben. Das Bild der Baustelle – es passt. Leonie Langer

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