Kirche am Lausitzer Platz : Lachen statt Läuten: Kirchenkunst zum Osterfest

Die Emmaus-Gemeinde in Kreuzberg lässt bis zum 7. Mai lautstarke Heiterkeit vom Turm verbreiten. Die Installation soll eine mittelalterliche Ostertradition beleben – nicht zur Freude aller.

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Strahlen um die Wette. Die Künstlerinnen Carolyn Krüger (l.) und Brigitte Kottwitz (Bildmitte) vor der Emmaus-Kirche.
Strahlen um die Wette. Die Künstlerinnen Carolyn Krüger (l.) und Brigitte Kottwitz (Bildmitte) vor der Emmaus-Kirche.Foto: Paul Zinken

„Was haben die denn genommen?“, fragt der Mann am Kneipentisch in der Sonne. Ein paar Meter weiter stehen Dutzende Leute vor der Emmaus-Kirche und schütten sich aus vor Lachen, während vom Kirchturm Gelächter vom Band schallt. Die Kirchengemeinde am Lausitzer Platz in Kreuzberg macht Ernst mit ihrer Lachaktion – und verbreitet offenkundig gute Laune. Am Karsamstag um 18 Uhr startete die Klanginstallation der Künstlerinnen Carolyn Krüger und Brigitte Kottwitz: Bis 7. Mai wird tagsüber alle Viertelstunden über die Lautsprecher an der Kirche Gelächter per Computer abgespielt: unbeschwertes Kinderlachen, helles Frauengekicher und dunkles Männer-Hohoho. Damit will die 3500 Mitglieder zählende Gemeinde anlässlich der für Christen freudigen Auferstehungszeit an die alte Tradition des Osterlachens anknüpfen, sagt Pfarrer Jörg Machel. Wie es sich gehört, ist die Klanginstallation der Künstlerinnen aus Frankfurt am Main mit den Berliner Behörden abgestimmt.

„Schön, dass es noch Menschen gibt, die Grund zur Freude haben“, sagt Gisela Holz, die seit 50 Jahren an der Skalitzer Straße wohnt. Gülsun Kayar, die gerade mit ihrer elfjährigen Tochter Ece vorbeischlendert und im Kiez zu Hause ist, sagt, sie finde das lustig – und generell gut, wenn die Gotteshäuser etwas für die Gläubigen täten. „Islam und Christentum haben sowieso viele Gemeinsamkeiten“, fügt die kleine Ece hinzu. Anderen Anwohnern vergeht das Lachen. Wie schade, wenn es gerade zu Ostern kein Glockengeläut gäbe, klagt eine Kreuzbergerin. Reformator Martin Luther habe den mittelalterlichen Brauch, mit dem der Sieg über den Tod gefeiert wurde, nicht ohne Grund abgeschafft. Das Gotteshaus werde doch entwürdigt. Das Glockengeläut war schon immer eine Form der Zeitansage.

Der Emmaus-Pfarrer nimmt solche Kritik mit Humor – und argumentiert: „Wir läuten sonst ohnehin nur einmal, sonnabends um 18 Uhr, mit den Glocken den Sonntag ein“, sagt Jörg Machel. Die drei Glocken oben im Turm würden zudem nur vor Gottesdiensten aktiviert – „und das werden wir auch bis zum 7. Mai parallel zur Aktion weiter tun“. Heutzutage sei das Leben völlig anders als zu Luthers Zeiten, sagt er. Damals sei der Brauch ausgeufert, im Gottesdienst seien obszöne Begriffe benutzt und geschmacklose Witze gerissen worden – deshalb habe sich Luther gegen das Osterlachen gewandt.

Der Pfarrer ahnte, dass es auch Kritiker geben würde, doch Kunst könne „ohne Provokation nichts bewegen“. Und darum geht es der Gemeinde mitten im alten Kreuzberger SO 36: Man wolle den Alltag unterbrechen, die Leute zum Nachdenken und zum Mitlachen anregen. Habe ich genug Freude am Leben? Hetze ich gerade mit angespannter Miene zur Arbeit oder huscht mir auch mal ein Lächeln auf die Lippen? Habe ich noch etwas zu lachen trotz aller Katastrophen in der Welt? Das sind Fragen, die Kirche und Künstler aufwerfen wollen, „in einer Zeit, in der Lachen gar als Peinlichkeit angesehen wird“.

Manch einer aus dem Kiez mag das Ganze lächerlich finden, doch alles ist sehr ernsthaft mit dem Umweltamt abgestimmt. Der Behördenmitarbeiter hat sich das von der ersten Viertelstunde bis zur vollen Stunde immer etwas länger werdende und somit anschwellende Lachen genau angehört, 56 Dezibel sind erlaubt, das ist „leiser als der Verkehr und in den Querstraßen der Nachbarschaft schon nicht mehr zu hören“, sagt Künstlerin Brigitte Kottwitz. „Wir wollen ja nicht auf die Nerven gehen“, sagt ihre Kollegin Carolyn Krüger, „das Lachen ist deshalb nur zwischen 10 und 18 Uhr zu hören“.

Das ist der neue Klang im Kiez: Das Quietschen der U-Bahn auf den Gleisen, Hupen und das Dröhnen der Bässe aus geöffneten Autofenstern – und das Lachen vom Kirchturm. „Schon okay, wir sind schließlich in Kreuzberg“, sagt Max Spät, 35, Marketingmanager, an einem Restauranttisch. Den Hintergrund der Klanginstallation habe man den Anwohnern auf Plakaten und Handzetteln erklärt, sagt Machel, 2500 Flyer wurden verteilt, da haben die Leute von der Lachbewegung mitgeholfen. Lachbewegung? Weltweit gebe es rund 5000 Lachklubs, 150 in Deutschland und allein 15 in Berlin, sagen die Künstler. Der indische Mediziner Madan Kataria habe die Lachyogabewegung 1998 begründet, die gesundheitsfördernde Wirkung des „Lachens ohne Grund“ erkannt. Da würden wie beim Sport Endorphine ausgeschüttet. In Berlin treffen sich die passionierten Lacher dieses Jahr zum Weltlachtag, am 1. Mai, auf dem Tempelhofer Feld. „Lachen erlaubt“ – was dahinter steckt, will Pfarrer Machel heute um 11 Uhr beim Sonntagsgottesdienst zum Osterlachen erläutern.

Auf die Idee kam Künstlerin Brigitte Kottwitz, weil sie ein positives Gegengewicht zu ihrer Arbeit bei einem Beerdigungsinstitut suchte. Das Künstlerteam erheiterte schon die Umgebung der Alten Kirche in Hausen im Odenwald und der Wartburgkirche in Frankfurt am Main. „Schon lustig“, sagt der Mann am Kneipentisch, „die lauten Glocken nerven manchmal mehr“.

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