Berlin : Kirche sucht Herrn

Für ein Gotteshaus in Brandenburg/Havel wird sogar bei Ebay nach Käufern gefahndet.

Theresa Münch (dpa)

Brandenburg/Havel - Zum Gottesdienst in der alten St. Bernhard-Kirche läutet nicht einmal mehr eine Glocke. Trotzdem kommt kein Gläubiger zu spät. Schon eine Viertelstunde vorher sitzen zehn ältere Damen und Herren auf den Kirchenbänken – so verstreut, dass man meinen könnte, sie hätten Stammplätze. Die meisten der 18 Reihen bleiben leer. Mehr Leute kommen nicht, obwohl dies der einzige Gottesdienst der Woche ist.

Das Erzbistum Berlin will das kleine Gotteshaus in Brandenburg an der Havel deshalb verkaufen – und bot es schon im im Kleinanzeigenteil von Ebay an. Auf der Internetseite des Bistums stehen nähere Daten: 120 000 Euro Kaufpreis, 110 Euro Betriebskosten „bei geringer Nutzung“.

Also „Drei, Zwei, Eins – Kirche meins“? Ganz so einfach sei es nicht, sagt Bistumssprecher Stefan Förner. „Sie können die Kirche nicht einfach bestellen wie Schuhe bei Zalando.“ Auch anonym versteigert werde nichts. Das Bistum will den neuen Nutzer kennenlernen und erfahren, was er vorhat. Doch so weit kommt es nur selten, denn Kaufinteressenten sind rar. Die hohen Räume sind schwer zu heizen, die Fenster nicht genormt – eine denkmalgeschützte Kirche ist kein Verkaufsschlager.

Doch die katholische Kirche hat kaum eine andere Wahl. In ganz Deutschland schrumpft die Zahl ihrer Mitglieder: Es gibt weniger Gläubige, weniger Priester, weniger Geld. Besuchte in den 50er Jahren noch jeder zweite Katholik regelmäßig Gottesdienste, sind es heute nach Zahlen der Deutschen Bischofskonferenz gerade noch 12,3 Prozent. Im zu DDR-Zeiten atheistisch geprägten Osten Deutschlands ist die Situation noch kritischer. Nur neun von hundert Berlinern sind katholisch, in Brandenburg sind es noch weniger. Im Jahr 2011 zählte die Bischofskonferenz im Erzbistum Berlin, zu dem auch Brandenburg und Vorpommern gehören, 44 043 Gottesdienstbesucher.

In den vergangenen zwölf Jahren hat das Erzbistum etwa zwei Dutzend Gotteshäuser verkauft. Jetzt steht St. Bernhard online. In der alten Stahlarbeitersiedlung in Brandenburg weckt das Entsetzen. „Die Kirche ist doch unser Lebensinhalt“, sagt eine 81-Jährige. Zwar gibt es nur noch donnerstags Gottesdienste, „aber jetzt ist eben der Donnerstag unser Sonntag.“ Bei diesen Worten wird ihre Stimme ganz fest und ernst: „Wenn sie die Kirche zumachen, das wäre schlimm“. Leider sei das nicht für viele so schlimm, sagt der Pfarrer leise von hinten.

„Wenn St. Bernhard verkauft würde, könnten einige überhaupt nicht mehr in die Kirche gehen“, weiß Werner Kießig. Der 74-Jährige war früher Diakon in der kleinen Kirche und erinnert sich noch gut an volle Bänke und eine lebendige Gemeinde. Die Kirche kam mit dem Stahlwerk in die Siedlung, belebt von katholischen Arbeitern und Flüchtlingen aus Osteuropa. „Doch die sind längst weggestorben.“ Die Übriggebliebenen haben Angst vor der Zukunft ihrer Kirche.

„Nicht, dass hier eine Disko reinkommt“, sagt die 81 Jahre alte Lektorin. „Dann gehen wir aber sammeln.“ Doch 120 000 Euro können die alten Leute wohl kaum aufbringen, um das 1934/35 gebaute Gotteshaus selbst zu kaufen. Eine Disko werde es nicht, verspricht der Bistumssprecher. Am besten wäre es, eine andere christliche Gemeinschaft würde die Kirche kaufen. Doch dort gibt es ähnliche Probleme mit sinkenden Mitgliederzahlen. Auch als Galerie, Konzert- oder Wohnraum kann sich das Bistum seine Kirchen vorstellen.

Doch letztlich haben die Bistümer nur begrenzten Einfluss. Ein Beispiel ist eine Kapelle im brandenburgischen Wiesenburg. Eine Berliner Künstlerin kaufte 1999 das Gebäude und richtete eine Galerie ein. Mit viel Liebe sanierte sie das Haus, die Weihwasserbecken und ein rotes Glaskreuz blieben. Doch Anfang des Jahres zog es die Frau zurück nach Berlin, sie verkaufte das Haus. Was der neue Eigentümer plant, muss er der Kirche nicht verraten. Theresa Münch (dpa)

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