Berlin : Kirche wirbt für Religion an der Schule Senat hat Bedenken

gegen Faltblatt-Aktion

Sigrid Kneist

Mit einer groß angelegten Flyer-Kampagne wollen jetzt die evangelische und die katholische Kirche in Berlin für den Religionsunterricht als Wahlpflichtfach werben. Darin bekräftigen sie auch ihre Ablehnung des vom Senat geplanten, verpflichtenden Ethikunterrichts. Die Faltblätter in einer Auflage von 120 000 Stück sollen unter anderem in den Sekretariaten der Schulen ausliegen. Sie richten sich an die Eltern, die ihre Kinder an der Oberschule anmelden und sich für den Religionsunterricht interessieren.

Allerdings gibt es Bedenken gegen die Aktion seitens des Senats. „Religiöse Werbung an Schulen ist problematisch“, sagte Kenneth Frisse, Sprecher von Bildungssenator Klaus Böger (SPD). Die Verwaltung werde die Kirchen jetzt schriftlich darauf hinweisen. Nach geltender Rechtslage sei politische und religiöse Werbung an Schulen nicht erlaubt. Ob dies auch ein Verbot bedeuten könnte, dazu wollte Frisse sich nicht weiter äußern. Demgegenüber hält der evangelische Landesbischof Wolfgang Huber die Werbeaktion für rechtlich gedeckt und kann sich nicht vorstellen, dass sie den Kirchen untersagt wird: „Das wäre schlechterdings ein Skandal.“ Auf Reaktionen zwischen Zustimmung und leichten Bedenken stößt die kirchliche Initiative bei Bildungsstadträten. Positiv äußern sich die Stadträte von Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg, Erik Schrader (FDP) und Dieter Hapel (CDU), beide Befürworter des von den Kirchen gewünschten Wahlpflichtmodells. Neuköllns Stadtrat Wolfgang Schimmang (SPD), ist skeptisch, aber die Kirchen seien „ein elementarer Bestandteil der Schulen“. Deshalb werde er nicht mit einem Verbot reagieren. „Außerdem wollen wir nicht den Konflikt mit den Kirchen verschärfen“, sagte Schimmang. Seine Kollegin aus Treptow-Köpenick, Eva Mendl (PDS), verweist auf die Verantwortlichkeit der Bildungsverwaltung: „Wenn die Zustimmung der Schulaufsicht vorliegt, gibt es unsererseits keine Bedenken, Schreiben der Kirche zum Religionsunterricht zu verteilen.“

Mit der Einführung des Pflichtfaches Ethik gefährde der Senat „wissentlich den Religionsunterricht“, sagte Bischof Huber. Als zusätzliches, nicht gleichberechtigtes Fach werde es dem Unterricht der Kirchen schwer gemacht, weiter zu bestehen. Dabei sei der Unterricht der Kirchen unter den auch bisher nicht einfachen Berliner Bedingungen ein Erfolgsmodell. Derzeit besuche rund ein Drittel der 340 000 Schüler den Unterricht der Kirchen. Nach Auffassung von Hans-Peter Richter, Leiter des Schuldezernats im Erzbischöflichen Ordinariat ist es unmöglich, alle Schüler in nur einem Fach mit interkulturellen Aspekten und Wertefragen vertraut zu machen. „Der Schuh passt nicht“, sagte Richter. Wichtig sei es, dass unterschiedliche Fächer gleichen Ranges in einen Dialog treten.

Die Kirchen erwägen auch den Gang nach Karlsruhe. Sollte es bei dem Pflichtfach Ethik bleiben, schließen sie eine Verfassungsbeschwerde nicht aus. Darüber werde aber erst entschieden, wenn das Gesetz vorliegt.

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