Berlin : Kirche zum Heiligen Kreuz: Eine Amerikanerin in Berlin

Katharina Körting

Die neue Orgel für die Kirche zum Heiligen Kreuz in der Zossener Straße ist älter als die 1888 erbaute Kirche und kommt oberndrei noch aus Amerika. Am Dienstagmorgen ist sie geliefert worden, zerlegt in viele Einzelteile. Auf der Empore der Kirche wird die 1870 erbaute Orgel, die über 4000 Pfeifen, drei Manuale und 40 Register verfügt, in den kommenden Monaten zusammengesetzt, bevor sie am 21. Oktober beim Einweihungskonzert erklingen kann.

Das große Instrument namens "op. 553" ist in Boston von den Gebrüdern Hook als deren 553. Werkstück gebaut worden. Bis 1991 stand es in einem Bostoner Vorort in einem Gotteshaus der First Unitarian Church. Doch dann war diese Gemeinde ausgestorben, die Orgel sozusagen verwaist. Das Kirchengebäude stand zum Verkauf. Die alte, nach europäischer Art gefertigte Hook-Orgel konnte gerade noch vor einem unwürdigen Ende in Kaminfeuern bewahrt werden: Nach Vermittlung des Organ Clearing House, einer Organisation zur Rettung bedrohter Orgeln, hat der Kirchenkreis Berlin-Kreuzberg sie für 15 000 Dollar gekauft und nach Hamburg verschiffen lassen. Dann lagerte sie jahrelang in Berlin und in der Nähe Prenzlaus, bis sie zum Restaurator Hermann Eule nach Bautzen gebracht wurde. Fast 600 000 Mark hat die Heilig-Kreuz-Kirche in Erwerb, Transport und Reparatur der Hook-Orgel investiert. "Wir müssen das über Spenden finanzieren", sagt Gemeindepfarrer Jürgen Quandt. Bis jetzt hat er 160 000 Mark zusammen. Einem eigens gegründeten Verein gehören auch prominente Unterstützer wie der Publizist Robert Leicht oder der Maler Curt Mühlenhaupt an.

"Die Hook-Orgel repräsentiert den frühromantischen Typ", erzählt der Organist Gunter Kennel. Zwar ist sie in der Spätromantik entstanden, aber ihre Erbauer haben dennoch keine pneumatischen Trakturen, bei denen die Luft durch viele Ventile in die Pfeifen gelangt, verwendet. Statt dessen hielten sie sich ganz konservativ an die traditionellen mechanischen Trakturen, die zwar nicht so dicht im Klang und weniger flexibel in der Lautstärke sind, dafür jedoch den Einzelregistern ihren prägnanten und typischen Klang lassen. Mit "op. 553" steht nun die einzige aus den USA stammende Orgel in Berlin und wahrscheinlich in ganz Deutschland. "Wir schließen damit eine Lücke zwischen der spätbarocken Orgel in Karlshorst und dem spätromantischen Instrument im Berliner Dom", sagt Kennel. In Berlin seien nämlich alle in der Romantik hergestellten Orgeln dieser Größe entweder im Zweiten Weltkrieg oder anderweitig zerstört worden.

Die Orgel werde nicht leicht zu spielen sein, verfüge sie jedoch über ein außergewöhnliches Glockenspiel aus Metallplättchen. Der Spieltisch ist aus Nussbaum, für die restlichen Holzteile haben die Hook-Brüder amerikanische Kiefer verarbeitet. Die Pfeifen - die längste misst sieben Meter - bestehen aus Zink und Holz.

Nach dem Erwerb der Bostoner Orgel ist auch die vorher in der Heilig-Kreuz-Kirche stehende, 1958 erbaute Walker-Orgel auf Wanderschaft gegangen: Eine deutsche Agentur vermittelte das Instrument für 25 000 Mark an ein polnisches Kloster. Die hohe Investition für die amerikanische Orgel hält Pfarrer Quandt für gerechtfertigt: "Sicher ist das ein Luxus", sagt Quandt, doch die neue Anschaffung sei auch "ein Stück Verkündigung", von der er sich einen weiteren Zuwachs der Gemeinde erhofft. Schon seit dem vor fünf Jahren beendeten Umbau der Kirche sei die Zahl der Gottesdienst-Besucher auf rund 60 Zuhörer pro Sonntag gewachsen. "Auch die neue Orgel wird sich positiv auswirken", hofft der Pfarrer. Immerhin könne man auf ihr nicht nur originalgetreu die Kompositonen von Liszt, Brahms und Mendelssohn spielen - letzterer ruht auf dem Friedhof am Mehringdamm - sondern auch das "Profil" der Kirche erweitern. Nun, wo die Stühle beiseite geräumt sind und der gesamte Kirchenraum von Orgelteilen besetzt ist, hat er jedoch erstmal ein Problem: Wohin mit den Gläubigen am kommenden Sonntag?

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