Berlin : Kirchen und Land rechnen über Ethik ab

Dissens bei Zahl der Schüler in Religionskunde

Susanne Vieth-Entus

Die Einführung des Faches Ethik ist nach Ansicht des Senats nicht zu Lasten des freiwilligen Religions- und Lebenskundeunterrichts gegangen. Dies sagte Kulturstaatssekretär André Schmitz gestern. Er bezog sich dabei auf aktuelle Teilnehmerzahlen am Religions- und Lebenskundeunterricht in den Klassen 7 bis 10. Demnach ist die Teilnahme daran seit Einführung von Ethik im Jahr 2006 in diesen Klassenstufen nur um ein Prozent zurückgegangen. Die Befürchtungen, dass der Religionsunterricht Schüler verlieren würde, hätten sich damit „nicht bestätigt“, stellte Schmitz fest.

Wenn man sich die Zahlen detaillierter ansieht, kommt man allerdings zu einem anderen Schluss. So ist nicht nachvollziehbar, warum der Senat die Klassen 7 bis 10 in der Summe betrachtet, weil der Ethikunterricht bisher ja erst in den Klassen 7 und 8 eingeführt wurde. Und dort ergibt sich ein anderes Bild: Wie bereits berichtet, verlor der evangelische Religionsunterricht in den siebten Klassen im ersten Jahr nach der Ethik-Einführung 28 Prozent und im zweiten Jahr ebenfalls in den siebten Klassen 18 Prozent seiner Schüler. Selbst wenn man bedenkt, dass die Gesamtschülerzahl in diesen Jahren um fünf bis zehn Prozent zurückgegangen ist, bleibt ein deutliches Minus für die evangelische Kirche.

Jetzt kommt auf die evangelische Kirche noch ein weiteres Problem zu. Zwar ist es ihr gelungen, im zweiten Ethikjahr die Verluste geringer zu halten, indem sie an 60 Schulen eine Kooperation zwischen Ethik- und Religionslehrern organisiert hat. Genau diese Kooperationen stehen aber zu Disposition.

Die Zusammenarbeit besteht nämlich an vielen Schulen darin, dass die Ethik- und Religionslehrer je eine Stunde getrennt unterrichten und eine Stunde gemeinsam abhalten – in der Summe also drei Stunden. Kritiker – etwa vom Humanistischen Verband – bringen dagegen zweierlei vor: Erstens dürfe der staatliche Ethikunterricht nicht derart stark von Religionslehrern mitgestaltet werden. Zweitens bezahle das Land vier Unterrichtsstunden, es würden aber nur drei abgehalten.

Dem Vernehmen nach folgt die Bildungsverwaltung dieser Argumentation und will diese Kooperation im kommenden Schuljahr nicht mehr dulden. Dies würde bedeuten, dass die Kinder, die Religion freiwillig besuchen wollen, zwei zusätzliche Stunden in Kauf nehmen müssten. Dazu sind aber wegen des Turbo-Abiturs nicht mehr viele Schüler bereit, da sie schon jetzt bis nachmittags Unterricht haben. Susanne Vieth-Entus

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