Berlin : Kirchenjubiläum: Die Orgel war das billigste Modell

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Es war schon eine Sensation, als Kaiserin Auguste Victoria vor fast genau 100 Jahren nach Adlershof kam. Am 17. November erhielt die damalige Vorort-Gemeinde ihre eigene Kirche. In nur 18 Monaten war an der Arndtstraße ein imposanter Bau errichtet worden. Noch bis zum Sonntag feiert die evangelische Gemeinde das Jubiläum ihrer Verklärungskirche, das mehr als zwei Jahre lang vorbereitet worden war. "Wir haben Archive durchstöbert, Zeitzeugen befragt und jede Menge Material zusammengetragen", erzählt Pfarrerin Dorothea Quien. Dabei fanden die Kirchenmitarbeiter heraus, dass sich die Arbeiten an dem Backsteinbau mitunter schwierig gestalteten. Lieferfristen für die Fenster und auch das Kirchengestühl wurden beispielsweise nicht eingehalten. 1899 kam es außerdem zu einem Streik. Einige Maurer verlangten von ihrem Meister, die Arbeiter zu entlassen, die nicht dem Zentralverband der Maurer angehörten. Das lehnte aber der Adlershofer Maurermeister Albert Pförtner mit der Begründung, er müsse dann schließlich seine besten Leute entlassen, ab. Pförtner rächte sich allerdings beim Richtfest bei den Streikenden und zahlte ihnen keine Prämie.

Diese und noch andere Begebenheiten sind inzwischen zu kleinen Texten verarbeitet worden und neben zahlreichen Fotos und Skizzen vom Gotteshaus in zwei Ausstellungen zu sehen: In der Alten Schule an der Dörpfeldstraße und in der Kirche selbst. "Leider ist es uns nicht gelungen, auf alle Fragen eine Antwort zu finden", bedauert die Pfarrerin. Noch unklar sei, wovon sich der Maler Heinrich Heyl vor hundert Jahren beim Gestalten der Kirchenwände inspirieren ließ. Es sei ungewöhnlich, so Dorothea Quien, dass das Motiv des Tierkreises und einer Sonne mit Christussymbol an der Decke und nicht wie sonst üblich am Boden verewigt wurden. Die farbigen Wandmalereien sind gut erhalten und verleihen der Kirche ihren besonderen Charme.

Nicht so zufrieden war die Gemeinde in den vergangenen Jahrzehnten allerdings mit ihrer Orgel. Sie musste ständig repariert werden und sei "das Werk eines Pfuschers", wie ein Orgelbauer schon vor rund 70 Jahren feststellte. Inzwischen kam heraus, dass sich die Ehefrau des Adlershofer Amtsvorstehers, die der Gemeinde einst das Instrument spendete, für den billigsten Anbieter entschieden hatte. Aber das ist eigentlich Schnee von gestern. Denn mit finanzieller Unterstützung der Dortmunder Partnergemeinde erhielt die Orgel vor zwei Jahren ein neues Gebläse und einen Motor. Inzwischen nutzen übrigens auch Musiker das Gotteshaus und nehmen dort wegen der hervorragenden Akustik CDs auf.

Bis zum Sonntag gibt es noch die Gelegenheit, einige Konzerte aus Anlass des Jubiläums zu erleben. So werden heute ab 20 Uhr jiddische Lieder und Tänze mit der Potsdamer Gruppe "manifest" gezeigt. Am Sonntag wird um 16.30 Uhr Händels "Messias" aufgeführt.

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