Berlin : Kirchliches Unvermögen

Das Erzbistum ist noch viel höher verschuldet als bislang angenommen – bei einem Tochterunternehmen lief ein zweistelliger Millionenbetrag auf

Martin Gehlen,Claudia Keller

Von Martin Gehlen

und Claudia Keller

Das Erzbistum Berlin ist weitaus höher verschuldet als bislang bekannt. Nach Informationen des Tagesspiegels hat die Erzbischöfliche Vermögensverwaltung GmbH, eine hundertprozentige Tochter des Erzbistums, rund zwölf Millionen Euro zusätzliche Verbindlichkeiten. Diese Summe ist bei der Aufstellung der Gesamtverschuldung von 148 Millionen Euro, die die Beratungsfirma McKinsey im Frühjahr 2003 vorgelegt hatte, nicht berücksichtigt. Das bestätigte der Generalvikar des Erzbistums, Peter Wehr, dem Tagesspiegel. Daneben enthält die Bilanz 2003 der Erzbischöflichen Vermögensverwaltung zwei weitere Finanzposten mit unklaren Auswirkungen, durch die die zusätzliche Verschuldung möglicherweise sogar auf rund 20 Millionen Euro steigen könnte.

Zu der Vermögensverwaltung GmbH gehören das Tagungszentrum mit der Katholischen Akademie und das Hotel in der Hannoverschen Straße in Mitte sowie das Haus des Kommissariats der deutschen Bischöfe, das Katholische Büro in Berlin. Hinzu kommen noch zwei Miethäuser mit Wohn- und Geschäftsräumen an der Chausseestraße, in denen unter anderem die kirchliche Pax-Bank untergebracht ist. Bis Dezember vergangenen Jahres gehörte auch das mit 80 Millionen Euro verschuldete Petruswerk zur Vermögensverwaltung. Es wurde für 18,1 Millionen Euro an die Wohnungsbaugesellschaft Avila aus Potsdam verkauft. Deren Geschäftsführer Douglas Fernando droht dem Erzbistum jetzt mit einer Klage über 2,8 Millionen Euro, weil er sich über den maroden Zustand des Petruswerks getäuscht fühlt. Reimar Witzel, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung, weist die Vorwürfe zurück. In dem Kaufvertrag sei ausdrücklich festgehalten, dass Fernando vor Vertragsabschluss die wirtschaftlichen Lage des Petruswerks geprüft und sich ein eigenes Urteil gebildet habe, sagte er dem Tagesspiegel. Fernando seien keine relevanten Informationen vorenthalten worden.

Um eine mögliche Zahlungsunfähigkeit der Erzbischöflichen Vermögensverwaltung abzuwenden, plant Witzel, das Restaurant im Tagungszentrum an der Hannoverschen Straße zu schließen. 12 der 27 Mitarbeiter sollen 2004 gekündigt werden. Daneben gibt es offenbar Probleme mit der Auslastung des Hotels und der Tagungsräume sowie der Vermietung. Viele Verträge laufen aus, es gibt erheblichen Leerstand. Neuvermietungen sind teilweise nur mit Abschlägen von bis zu 30 Prozent möglich. An einen Verkauf der Gebäude, die das Aushängeschild der Katholischen Kirche in der Hauptstadt sind, denkt das Erzbistum angesichts der schlechten Immobilienpreise in Berlin bislang offenbar nicht. Stattdessen setzt die Geschäftsführung in ihren Wirtschaftsplänen darauf, dass in fünf Jahren die Mietpreise wieder steigen.

Unterdessen hat das höchste Finanzgremium des Erzbistums, der Diözesanvermögensverwaltungsrat, am vergangenen Freitag erstmals einen Haushaltsentwurf für das Erzbistum für das Jahr 2004 diskutiert. „Kommenden Freitag wird der Haushalt verabschiedet“, sagte Hans-Jürgen van Schewick, der dem Gremium als oberster Laienvertreter angehört. Die Vorlage war nach der Entlassung des bisherigen Finanzdezernenten mit externer Hilfe zusammengestellt worden. Die Unternehmensberatung McKinsey hat für den Haushaltsplan 2004 noch eine Neuverschuldung von etwa sechs Millionen Euro vorgesehen. McKinsey hatte in ihrer Planung jedoch nicht die Mindereinnahmen bei den Kirchensteuern, unter anderem durch die Steuerreform, berücksichtigt. Diese Mindereinnahmen werden auf 12 bis 15 Millionen Euro geschätzt und können nur durch weitere Einsparungen bei den Gemeinden, der Caritas, den Schulen und der Katholischen Akademie ausgeglichen werden.

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