Berlin : Kirchweih auf dem Tempelhofer Feld

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SONNTAGS UM ZEHN

Mit Pauken und Trompeten wurde am gestrigen „Kantate“Sonntag in der „Kirche auf dem Tempelhofer Feld“ deren 75. Jubiläum gefeiert. Den Eingang des zu Himmelfahrt 1928 eingeweihten runden Gotteshauses der evangelischen Gemeinde Neutempelhof schmückten Blumengirlanden, und auf dem Bürgersteig davor warteten aufgestellte Bänke und Tische auf die Kirchweihgäste.

Die füllten zum Festgottesdienst ihrer denkmalgeschützten Kirche jeden Platz im großen Rundschiff, über dem sich die auf 14 Säulen ruhende Kuppeldecke wie eine Bienenwabe wölbt. Vorn am Altar rahmte Flieder das schlichte Kreuz mit Jesus ein. Ringsum waren Zeichnungen und Gemälde des Gotteshauses aufgehängt, das 1928 der erste Kirchenbau nach dem Weltkrieg und der dritte in Tempelhof war.

Die Gemeinde gehört zum westlichen Teil des ehemaligen Tempelhofer Feldes, dessen Areal 1910 für damals unglaubliche 72 Millionen Reichsmark an Tempelhof verkauft wurde. Zu den Berliner Sozialfällen gehört die Gemeinde sichtlich nicht. Auffallend waren viele junge Ehepaare mit kleinen Kindern. Die begleiteten die vielen Lobgesänge gestern auf ihre Art – fröhlich oder quengelig krähend – was so manchen Vater mit seinem Nachwuchs vor die Tür trieb.

„Großer Gott, wir loben dich“, stimmte sich die Gemeinde gleich eingangs mit kräftiger Stimme auf den festlichen Anlass ein. Nicht auf einen bei derartigen Anlässen üblichen „Pomp der schönen Worte“ hatte sich Pfarrerin Elisabeth Moltmann mit ihrem Kollegen im Ruhestand, Christian Wossidlo, geeinigt, sondern auf eine locker geführte Dialog-Predigt über die biblischen Merksprüche, die sich um das runde Kirchenschiff ziehen.

Nicht alle Zuhörer werden vorher gewusst haben, dass es sich dabei um Sprüche aus zehn Jesusgeschichten handelt. Die zierten einst die zehn Fensterbilder der „Kirche auf dem Tempelhofer Feld“ und wurden 1944 durch eine Luftmine restlos zerstört. Nicht mal mehr Bilder sind davon aufzutreiben, sagte Wossidlo, nicht erst jetzt im Ruhestand Tempelhofer Heimatforscher.

Dass der Spruch „Ehre sei Gott in der Höhe“ aus der Jesusgeschichte stammt, die ein Mal jährlich die Kirche füllt – Christi Geburt zu Weihnachten – wusste gestern sicher sogar jedes Kind. Auch, dass „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ sich auf die Taufe Jesus bezog. Nur eines wusste gestern wohl kaum einer – warum die Kirche, die sich so stark auf Jesus bezieht, nicht auch nach ihm heißt. Christian Wossidlo wusste es. 1950 habe der Gemeinderat ein halbes Jahr darüber beraten und sich dann auf den Namen „König-Christus-Kirche“ geeinigt. Vierzehn Tage lang – dann hatte die Gemeinde gesiegt. Sie wollte weiterhin in die „Kirche auf dem Tempelhof Feld“ gehen – gestern nahmen dort fast alle das Abendmahl, bevor sie nochmals Gott singend lobten. hema

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