Berlin : Kiss FM und die „Türkenmusik“

Der Radiosender lehnte mit drastischen Worten eine Single ab. Die Plattenfirma zog vors Gericht

Marc Neller

In dieser Geschichte geht es um Anstand, Lügen und Musik. Und um zwei Männer, die ihr Geld mit Hits verdienen: den Musikchef eines Radiosenders und den Boss einer Plattenfirma. Beide treffen sich vor Gericht wieder. Aber der Reihe nach.

Der Musikchef in dieser Geschichte ist Jens Dimmler von Radio 98,8 Kiss FM. Marcus Staiger, der Kläger, ist sein Gegenspieler. Staiger führt das kleine Berliner Plattenlabel Royal Bunker. Ganz besonders geht es in dieser Geschichte um den Satz „Diese Türkenmusik spiele ich nicht“ und darum, ob der Musikchef des Black-Music-Senders ihn wirklich gesagt hat. Denn am 27. Mai hatte Staiger einen Termin bei Dimmler, um die Musik einiger seiner Künstler vorzustellen. Als er das Album der beiden Rapper Eko Fresh und Azra und deren Single „Dünya Dönyür – Die Welt dreht sich“ anpries, sagte Dimmler: „Diese Türkenmusik“ spiele er nicht. Das war von Anfang an Staigers Version. Seit gestern ist es auch die Version des Musikchefs Dimmler und seines Senders – eine Einsicht, die die 27. Zivilkammer des Landgerichts beförderte. Denn als die Richterin in der Verhandlung durchblicken ließ, Staigers Version zu glauben, traten Dimmler und Kiss FM den Rückzug an. Sie widerriefen eine eidesstattliche Erklärung, in der sie Staiger der Lüge bezichtigt hatten, und tragen die Verfahrenskosten. Zudem drohen Sanktionen wegen einer Falschaussage.

Danach sah es in dem juristischen Streit zunächst nicht aus. Kiss FM hatte eine einstweilige Verfügung erwirkt, fortan durfte Staiger seine Sicht der Dinge nicht mehr öffentlich äußern. Und in einem Interview sagte Kiss-FM-Pressesprecher Michael Weiland: Mit einem Rassismus-Vorwurf eine Platte ins Gespräch zu bringen, sei „das Allerletzte.“ Der Sender weise jegliche Rassismusvorwürfe zurück. Das Lied sei ein sehr spezieller Underground-Titel, der nur bei wenigen Hörern ankomme.

Diese Einschätzung hat Kiss FM nicht exklusiv. Label-Chef Staiger sagte, er habe die CD an über 80 Radiostationen geschickt. „Die wollten sie auch nicht spielen. Aber sie haben das eben anders begründet.“

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