Kita-Betreuung in Berlin : Was soll der Kindergarten?

Klar, Eltern müssen sich in der Kita einbringen. Allzu oft aber werden sie zu Aufgaben verpflichtet, die nicht ihre sind. Dabei sollen Betreuungseinrichtungen doch eigentlich die Eltern entlasten. Liebe Träger, so geht das nicht!

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Liebe Eltern, diese Becher könnten auch mal wieder gespült werden...
Liebe Eltern, diese Becher könnten auch mal wieder gespült werden...Foto: dpa

Irgendwo am Schwarzen Brett in der Kitagarderobe, zwischen Sophies Musik-Tipp und den pädagogischen Zielen fürs Frühjahr, soll der Zettel angeblich gehangen haben: „Morgen bitte ein ausgeblasenes Ei mitbringen!“

Wie konnte ich das nur übersehen? Die meisten anderen Kinder haben ein Ei dabei, meins nicht. Bevor ich zur Eltern-Zuchtrute greife, die neben dem Fahrradhelmregal für spontane Selbstgeißelungen bereitsteht, werfe ich einen Blick auf den enttäuschten Jungen und einen auf die Uhr. Nach Hause radeln, Ei auspusten, in einer Spezialverpackung (welcher, um Gottes Willen?) wieder zur Kita bringen – ist das überhaupt zu schaffen? Es muss, wie immer.

Über dem Küchentisch stoße ich mit einer Rouladennadel ein Loch ins Ei. Kaputt. Dann eben das nächste Ei. Natürlich ist keins mehr im Kühlschrank. Nachbarin!

Trotzig fahre ich mit den Fingerspitzen durch das Eiweiß wie eine Zweijährige. Warum blasen die Erzieherinnen eigentlich nicht zusammen mit den Kindern Eier aus? Wegen der Salmonellengefahr, der drohenden Bio-Vegan-Debatte? Typische Elternreaktion, würde eine Erzieherin jetzt einwenden: Wann sollen wir das denn AUCH noch machen?

Gummistiefel, Matschhose, Windeln, Feuchttücher, Popocreme...

Wir Eltern tun wirklich nicht viel, aber wenigstens dies: alle Kleidungsstücke mit Namen versehen, Wechselwäsche kontrollieren und bereitstellen, Gummistiefel, Matschhose, Windeln, Feuchttücher, Popocreme, Küchenrolle, Zahncreme. Manchmal Gruppenraum am Wochenende streichen. Manchmal mit der Gruppe in einen neuen Raum umziehen. Garten umgraben. Pflanzen setzen. Gießen. Geschenke für viele scheidende Erzieherinnen besorgen. Begleitperson bei Ausflügen zur Feuerwehr und ins Naturkundemuseum sein. Plätzchen backen.

Das ist völlig selbstverständliches Kleinvieh. Ich mache alles wirklich gerne, wenn ich kann (außer Plätzchen backen). Aber wenn man in Betracht zieht, dass ein Tag nur 24 Stunden hat und man vielleicht nach dem Abendbrot eine Runde Mensch-ärgere-dich-nicht zusammen spielen will, wird aus diesem Kleinvieh ganz schön viel Mist.

Soll eine Kita nicht die Eltern entlasten?

Vergessen wir das Ei. Richtig bizarr wird es, wenn das Eltern-Engagement Strukturen ersetzt, die eigentlich der Kitaträger stellen sollte. In unserer Kita wird zum Beispiel ein neuer Chef des Fördervereins gesucht. Der langjährige Vorsitzende tritt zurück, weil sein jüngstes Kind bald in die Grundschule kommt. Die Stellenausschreibung könnte ungefähr so lauten: „Sie wollen sich neben Vollzeitjob und Familie engagieren? Sie bringen Erfahrung in Fundraising, Mediation, Controlling, Landschaftsarchitektur und Patisserie mit? Eine pädagogische Ausbildung, Social-Media-Kompetenz und die Bereitschaft zu After-hour-Telefonkonferenzen sind essenziell. Die Tätigkeit wird selbstverständlich nicht vergütet. Als Aufputschmittel ist nur Club Mate erlaubt. Für Ihre Ehe oder Partnerschaft übernimmt der Verein keine Haftung.“

Es ist so ungerecht!

Das Ehrenamt! An sich ja eine tolle Sache. Aber was, wenn ganze gesellschaftliche Bereiche ohne das großzügige Engagement Einzelner beinahe zum Erliegen kommen? Sollte das Ehrenamt nicht das Sahnehäubchen sein (also meinetwegen ein Gruppensatz Trommeln) und nicht der ganze Freundschaftseisbecher (also Masterplan Kita-Garten, Kostenkalkulation, Antragstellung von Fördergeldern …)? Was früher „nice to have“ war, ist inzwischen längst grundlegend – und das alles bei grassierendem Erzieherinnenmangel und unterdurchschnittlichem Betreuungsschlüssel.

Es ist so ungerecht, vor allem für die Kitas, deren Eltern keinen eigenen Förderverein gründen können oder wollen. Die Kinder in Mitte haben musikalische Früherziehung, die Kinder in Hellersdorf nicht. Die alleinerziehende Mutter aus der Nachbarschaft muss samstags das Treppenhaus ihrer Waldorf-Kita putzen, weil sie es sich nicht leisten kann, diese Dienstleistung an eine Putzhilfe zu delegieren.

Ich warte stündlich auf die Rundmail mit der Betreffzeile: „Freiwillige Eltern als Betreuer in der Krippe gesucht!“

Dieser Text erschien als Rant im Tagesspiegel-Samstagsmagazin Mehr Berlin.

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