Kitapflicht für Einjährige : Heinz Buschkowsky: "Wir verschließen die Augen"

Im Gespräch mit dem Tagesspiegel begründet Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky seine Forderung nach einer Kitapflicht schon für einjährige Kinder.

Freund klarer Worte: Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD).
Freund klarer Worte: Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD).Foto: Mike Wolff

Herr Buschkowsky, Sie wollen Eltern gesetzlich verpflichten, ihre Kinder schon mit einem Jahr in eine Kita zu bringen. Warum?

Wir müssen der gesellschaftlichen Realität endlich ins Auge sehen. Die Jugendämter wenden inzwischen rund 6,5 Milliarden Euro im Jahr für Hilfen zur Erziehung auf. Diese Kosten steigen jährlich um fast zehn Prozent. Die Erziehungsüberforderung von Eltern nimmt in Deutschland rapide zu. Das betrifft alle, nicht nur Migranten. Gleichzeitig verlässt jedes vierte Kind, das sind fast 200.000 im Jahr, die Schule ausbildungsunfähig.

Rechtfertigt dieser Befund, alle Eltern zu zwingen, ihre kleinen Kinder in Kitas zu bringen?
Ich ahne den Vorwurf der Bildungsbürger. Er lautet: Verfassungsbruch, Entmündigung und Generalverdacht gegen alle Eltern. Ich halte dagegen. Niemanden stört, dass es Aufgabe des Staates ist, Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Proteste gegen die Schulpflicht kenne ich nicht. Wieso sollte es dem Grundgesetz widersprechen, wenn der Staat die frühkindliche Bildung zu seiner Sache macht? Es ist inzwischen unstrittig, dass die entscheidenden Grundlagen für soziale Kompetenz und Bildungserwerb, also für den gesamten Lebensweg, bei Kindern weit vor dem Schulbeginn gelegt werden. Eine Bertelsmann-Studie belegt, dass die Chance von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern, es bis zum Gymnasium zu schaffen, um 80 Prozent steigt, wenn sie schon früh eine Kita besucht haben. In der Realität allerdings haben gerade diese Eltern die stärkste Distanz zu den frühkindlichen Institutionen.

Bevor der Staat die Kinder in Kitas zwingt, könnte er die Motivation der Eltern stärken.

Das geschieht doch längst. Allerdings fühlen sich die Eltern in bildungsfernen Schichten viel zu wenig angesprochen. In Migrantenfamilien gibt es außerdem auch kulturelle Widerstände dagegen. Gerade aus diesen beiden Gruppen wachsen jedoch wegen der hohen Geburtenrate in großer Zahl Kinder ohne ausreichende Chancen auf Bildung und Integration heran. Wir rasen auf ein sehr großes gesellschaftliches Problem zu und können es uns einfach nicht mehr leisten, auf den Erfolg von Appellen zu hoffen. Nach wie vor weigern wir uns, die größeren Erfolge in anderen Ländern anzuerkennen. Dort sind Krippe, Kindergarten und Ganztagsschulen längst selbstverständlich. Wir verschließen die Augen vor den Brandherden der Zukunft. Schon jetzt sind wir Spitzenreiter beim Aufwuchs der Zurückgelassenen. Ich sage ja nicht, dass jedes einjährige Kind ab morgen acht Stunden täglich pädagogisiert werden muss. Aber wir müssen jetzt die Voraussetzungen für ein durchgreifendes System der frühkindlichen Bildung schaffen. Wenn wir eines aus der Sarrazin-Debatte lernen müssen, dann ist es das: Die Menschen spüren deutlich, dass die Unterschicht und damit Bildungsferne und Gewaltbereitschaft bei den jungen Menschen bedrohlich zunehmen. Sollen wir warten, bis der Leidensdruck unerträglich geworden ist? Ich sage: nein. Politik wohnt auch eine präventive Erwartungshaltung inne.

Sprechen wir über Geld. Es fehlt den Kommunen sogar, um für 35 Prozent der Kinder Plätze zu schaffen. Von 100 Prozent, die man bräuchte, um eine Pflicht durchzusetzen, ganz zu schweigen.

Drei Dinge dazu. Erstens: Wir müssen uns darüber klar werden, dass gerade die Kinder der bildungsfernen Milieus von heute morgen die Renten der Bildungsbürger erarbeiten müssen. Denn diese Kinder sind die Humanressourcen der Gesellschaft. Kein Euro, den wir in ihre Köpfe statt in neue Autobahnen investieren, wird verloren sein. Zweitens: Wir wenden pro Jahr 35 Milliarden Euro für Kindergeld auf. Ich schlage vor, nur noch die Hälfte davon bar auszuzahlen und die andere Hälfte zwingend in die Welt der Kinder, zum Beispiel in Kitas, Schulen, Lehrer, Essen und Schulbücher zu stecken. Das wären jedes Jahr 17 Milliarden Euro zusätzliche Bildungsinvestitionen. Und drittens: Wir brauchen dringend eine durchgreifende Bildungsreform. Dazu gehört zuerst, den Aberwitz der Bildungspolitik als Länderspielwiese zu beenden und die Kompetenz für diese Schlüsselaufgabe der Zukunft dem Bund zu übertragen.

Heinz Buschkowsky (SPD) ist Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln. Das Gespräch führte Antje Sirleschtov.

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