Berlin : Klappstühle zu Kinosesseln

In den Sommermonaten wird der Steg des Treptower Badeschiffs zum Lichtspieltheater Der B-Ware-Filmclub zeigt dort prämierte Independent-Streifen aus der ganzen Welt

Matthias Jekosch

Die Schlange vor der Kasse ist von erstaunlicher Länge. Vorbei an den alten Backsteinmauern der Treptower Arena schieben sich die Menschen langsam auf den Steg des Badeschiffs zu. Hier wird an diesem Abend „Dark Horse“ gezeigt, ein isländisch-dänischer Independent-Film. „Wir haben 500 Karten verkauft“, wird Veranstalter Paulo Manuel Goncalves Da Senhora, kurz Skalli genannt, hinterher erstaunt bilanzieren. Mit so viel Andrang hatte er nicht gerechnet, denn meist ist Independentkino unter freiem Himmel in Berlin ja gleichbedeutend mit wenigen, in einem Hinterhof versammelten Filmenthusiasten.

Skalli sieht einen hohen Bedarf an günstigen Filmen, die nicht schon jedes große Kino rauf- und runtergespielt hat. „Wir sind das günstigste Open-Air-Kino Berlins. Das ist Teil unserer Philosophie. Die Leute haben keine Lust, viel Geld für einen Film zu bezahlen, den sie sich bald aus dem Internet saugen können oder nach einem halben Jahr für 4.99 Euro auf dem Wühltisch finden.“

Ein anderer Teil der Philosophie ist die Auswahl. Alle gezeigten Werke müssen auf mindestens einem Festival ausgezeichnet worden sein und dürfen keine Mainstream-Streifen sein. Wobei, das zeigen die 500 Gäste an diesem Abend, die Grenze zum Mainstream fließend ist.

Normalerweise zeigt er die Filme mittwochs und donnerstags in seinem B-Ware-Filmklub in der Friedrichshainer Corinthstraße 61. Dort kann man sich beim Zuschauen auf Sofas lümmeln, rauchen – und das für wenig Geld. Für die Sommersaison bleibt der kleine, nur etwa 50 Leuten Platz bietende Club geschlossen. Stattdessen werden die Filme nun unter dem Titel „Ausgezeichneter Sommer“ unter freiem Himmel im „Kiki Blofeld“ in der Köpenicker Straße, in der „Bar 25“ in der Holzmarktstraße 25 oder eben am Badeschiff der Arena gezeigt.

Es ist 22.30 Uhr, als sich Skalli endlich an der Kasse ablösen lässt. Der Beamer wirft bereits den Film auf die Leinwand, die sich in den Nachthimmel reckt, doch noch immer drängen sich Leute in das Areal an der Spree. Der Holzsteg ist von warmem orangenen Licht illuminiert, von der anderen Spreeseite aus Friedrichshain leuchtet das Licht des Narvaturms über das Wasser. Die meist jungen Besucher sitzen auf Klappstühlen, manche haben es sich auf Hängematten zwischen den Holzpflöcken des Stegs gemütlich gemacht. Und das Becken des Badeschiffs ist auch noch auf, so dass tropfende Gestalten zwischen den Sitzenden hin- und hergehen und bisweilen das leise Rauschen einer Dusche zu hören ist.

„Eine echt abgefahrene Umgebung“, findet Ingvar Noris, der solche Filmvorführungen aus seiner schwedischen Heimat nicht kennt. Dafür kennen viele Gäste den Filmclub, an den eine kleine, aber gut sortierte Videothek angeschlossen ist. „Du kannst da jeden Film aus jedem Land kriegen“, erzählt Suse begeistert. Von einer Holzstufe schaut sie auf die Leinwand. Alle anderen Plätze waren schon belegt. „Ich glaube, die haben jeden Film auch selbst gesehen. Man wird sehr gut beraten“, lobt sie das Team. Als Skalli das hört, winkt er lachend ab: „Nein, leider hatte ich keine Zeit, die alle zu sehen.“ Kein Wunder, denn der 34-Jährige ist viel beschäftigt, als Mitbesitzer der Videothek und mit seinem B-Ware-Projekt, das den Filmclub betreibt – und in Zukunft auch den Vertrieb ausländischer und deutscher Independent-Produktionen in Deutschland übernehmen will.

Bereits mit 15 Jahren fing er an, Filme vorzuführen, in einem Jugendclub in Emden. Als er vor vier Jahren nach Friedrichshain zog, fand er mit den vielen Studenten und Linken im Kiez das perfekte Publikum für ein kleines, alternatives Kino. Vor allem Filme in Originalsprache sind sehr beliebt. Skallis Filmliebe macht aber auch vor Hollywood nicht Halt: „Ich habe überhaupt nichts gegen Mainstream. Ich liebe zum Beispiel ,King Kong’ von Peter Jackson.“ Aber der wird natürlich auch von anderen Kinos gespielt. Nicht so dagegen „Favela Rising“. Der südamerikanische Film hat bereits 26 Preise eingeheimst, auf den großen europäischen Filmfestivals ist er bisher nicht aufgetaucht. Dafür ist er im „Ausgezeichneten Sommer“ zu sehen.

„Dark Horse“, den Film dieses Abends, honoriert das Publikum durch kinounübliches Klatschen beim Abspann. Besucher Dirk Steins schwärmt: „Diese Filme erweitern einfach den Horizont.“

Weitere Informationen im Internet unter: www.b-ware.tv

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