Berlin : Klares Kaleidoskop

Unrath & Strano sind mitten in Berlin ansässig, doch ihr Look ist international

Susanna Nieder

Eine Frau, die Unrath & Strano trägt, fällt auf. Genauer gesagt: Sie will auffallen. Ein Abendkleid des Designerduos kann einen komplett freien Rücken haben, eine geschnürte Taille, einen drapierten Rock, einen hohen Schlitz, es kann aus schwarzem, durchsichtigem Stoff oder knallbunt sein oder eine spektakuläre Kombination dieser und weiterer aufsehenerregender Elemente.

Im kleinen Showroom in Berlin-Mitte überwiegt vor sattroten Wänden zunächst der Eindruck eines Kaleidoskops von verwirrender Farbenpracht und Formenvielfalt. Rot-weißer, groß gemusterter Jacquard hängt neben streng bedrucktem schwarz-weißem Satin, grünlich schillernden Pailletten, vielfarbig Gerafftem, verschwenderisch von Hand Besticktem. Dann betritt Klaus Unrath die Szene und schafft mit wenigen Handgriffen Klarheit. Der bekannte Effekt, dass Kleider angezogen ganz anders wirken als an Puppe oder Bügel, stellt sich bei ihm schon ein, wenn er eins der von ihm entworfenen Modelle nur berührt. Ivan Strano hält sich unterdessen im Hintergrund, macht hier und da einen Einwurf, behält die Szene aufmerksam im Blick.

Unter einem raffiniert gewickelten Kleid zeigt Unrath die leichte, bequeme, Form gebende Unterkonstruktion aus biegsamen Stäbchen am Vorderteil und Stretch im Rücken, die den BH überflüssig macht. Zu einem üppig schwingenden, knielangen Rock kann eine leichte Tagesbluse mit ähnlicher Unterkonstruktion ebenso kombiniert werden wie ein reich besticktes, kurzes Überkleid, das wiederum von einem ausladenden Ballrock ergänzt werden kann. Das strenge, schwarz-weiße Muster erweist sich als dasselbe, das in Pastellfarben weich schimmernd wirkt, mit schwarz-weißen Perlen nachgestickt aber hart glänzend wie ein Stakkato. Alles in diesem Raum voller Kleider greift ineinander, ergibt sich auseinander, ist genau durchdacht und wirkt doch wie aus dem Handgelenk geschüttelt.

Der allererste Eindruck, dass Unrath & Strano dem Stil ihrer ehemaligen Arbeitgeberin Vivienne Westwood treu geblieben sind, erweist sich als Trugschluss. Das hier ist eine ganz eigene Handschrift. Klaus Unrath, wortgewandt und vollkommen von seiner Sache überzeugt, bezeichnet sich selbst als den „Kreativling“ des Duos. „Die Ideen zu den Kleidern entstehen nicht beim Zeichnen auf dem Papier, sondern bei der Arbeit mit dem Stoff an der Puppe“, erklärt er. Anschließend muss er seinen Partner von seinen Einfällen überzeugen. Ivan Strano ist für den Blick von außen und das Geschäftliche zuständig. „Ich habe dasselbe Diplom, aber warum sollen zwei entwerfen?“, sagt der ausgebildete Damenschneider und langjährige Kostümbildner aus der Schweiz. Während Unrath kreative Feuerwerke abbrennt, Kleider und Stoffe entwirft, selbst noch die Bilder retuschiert und die Sachen am liebsten verschenken würde, achtet Strano darauf, dass die Organisation funktioniert und nach den 16-stündigen Arbeitstagen die Kasse stimmt.

Unrath und Strano haben seit der Gründung ihrer eigenen Firma Ende 1999 viele Klippen umschifft, an denen genügend andere begabte Designer scheitern. Das Riesenproblem der Produktion haben sie gelöst und Produktionsstätten in Deutschland und Polen gefunden, die zu ihrer Zufriedenheit nähen. Die Stickereien werden zum Teil im eigenen Atelier gefertigt, zum Teil an Spezialisten im Ausland gegeben. Gut die Hälfte ihrer Kollektionen besteht aus extravaganter Tageskleidung, schmalen Hosen mit wunderbar geschwungen taillierten Jacketts, körpernah geschnittenen Kleidern, gewickelten Blusen. Doch auch ihre Roben, die wie Unikate wirken, werden in Serie gefertigt. Die Kundinnen, die natürlich keiner anderen Frau im gleichen Kleid begegnen wollen, muss das nicht stören, denn die meisten kommen aus dem Ausland. Zum Beispiel im KaDeWe, wo Unrath & Strano angeboten wird, kaufen vorwiegend Frauen aus Russland und den arabischen Ländern.

„Die Deutschen sehen sich intellektuell, da gilt es nicht als wichtig, Geld für Mode auszugeben“, sagt Unrath. Dass sie 2006 den Preis der deutschen Zeitschrift Petra für die beste Abendkleidung gewonnen haben, freut die beiden besonders. Deutsche Anerkennung für kreative deutsche Modelabels ist nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. Und noch dazu, wenn die Macher modeübliche Regeln brechen. Im Gegensatz zu vielen Kollegen, die nur bis Größe 42 anbieten, gibt es Strano & Unrath nicht nur für junge, schlanke Frauen. „Promis vom Fernsehen sind meistens schmal, aber wir arbeiten bis Größe 46 und darüber“, sagt Unrath. Auf Wunsch werden Schlitze geschlossen, Arme bedeckt und ehrliche Ratschläge erteilt: „Wir wollen schon fair sein.“

Strano & Unrath, Charitéstraße 4 (Mitte), Termin auf Vereinbarung unter 26 94 87 44.

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