Berlin : Klasse-Projekt: Deutschstunde mit dem Tagesspiegel

Tanja Buntrock

Deutsch lernen mit der Zeitung: Die vierzehn Schülerinnen und Schüler des Sonderlehrgangs 1 im Hermann-Ehlers-Gymnasium in Steglitz lesen und diskutieren Texte aus dem Tagesspiegel. Erst vor zwei Jahren sind die jungen Aussiedler nach Deutschland gekommen. Viele haben hier erst richtig die Sprache ihrer Vorfahren gelernt. In ihren Deutschstunden arbeiten die jungen "Russland-Deutschen" engagiert mit beim "Klasse"-Projekt des Tagesspiegel, das die Zeitung in die Schule bringt. Ihre Lehrerin Stefanie Brüning bereitet die 18- bis 25-Jährigen mit Hilfe des Zeitungsprojekts auf das Abitur vor. Wir haben die "Klasse!"-Schüler besucht.

Zurzeit stehen Kommentare auf dem Stundenplan. Zu dem Artikel "Adieu Volksdeutsche?", der kürzlich im Tagesspiegel erschienen ist, sollten die Schüler einen Kommentar schreiben. In dem Text geht es darum, dass die Regierung den Zuzug von Aussiedlern begrenzen will und die Russland-Deutschen künftig schon in der Heimat Deutsch lernen sollen. Stefanie Brüning fragt, welche Kriterien es zu erfüllen gilt, um "einen guten Kommentar" zu entwickeln. Tipps dazu enthält der Unterrichtsordner, den jede teilnehmende Klasse bekam. "Die eigene Meinung muss erkennbar sein", sagt Eugen, "außerdem sollte man auch die Gegenargumente mit einbeziehen." Natürlich spiele es auch eine Rolle, wie gut die Fragestellung und die Sprache rüberkommen, ergänzt Frau Brüning.

Maria scheut sich nicht, ihren zu Hause angefertigten Kommentar vor versammelter Mannschaft vorzutragen. Sie sieht die Zugangsbegrenzung von Aussiedlern kritisch. Mit vielen Beispielen macht sie ihre Argumentation plausibel. Die Mitschüler klatschen am Ende laut. Auch die Lehrerin ist begeistert.

In den Wochen zuvor hat die Klasse sich schon mit dem Nachrichten- und Reportageschreiben auseinandergesetzt. Maria hat es mit ihrem Text sogar zum Aufmacher - dem oben auf der Seite stehenden Hauptstück - auf der zuletzt erschienenen Sonderseite mit Schülertexten zum Thema Verkehr gebracht. In dem Stück "Ein Märchen, an das man glauben muss", beschreibt sie, wie eine russische Sängerin im Unterführungstunnel am Alexanderplatz einen Geschäftsmann mit ihrem Lied zum Weinen bringt. "Ich habe das aus der Nähe beobachtet", erzählt Maria, "diese Geschichte stimmt wirklich."

Zur Zeit arbeiten die Schüler an Reportagen zum Thema "Millennium" - dem Thema für die Dezember-Seite. Julia gibt schon einen kleinen Vorgeschmack, worum es in ihrem Text gehen wird: "Ich versuche zu bezeugen, dass das 21. Jahrhundert, das wir gefeiert haben, noch gar nicht angefangen hat", erklärt sie. Doch nicht nur, wenn es um das "Klasse"-Projekt geht, sind die Schüler engagiert. Neulich haben sie einen Brief an Schulsenator Böger geschrieben. "Wir bitten darum, dass wir nicht mehr als Sonderlehrgang oder Sonderklasse bezeichnet werden", erklärt Stefan. Die Schüler haben Sorge, dass ihnen diese Bezeichnung, die auch im Zeugnis auftaucht, zum Nachteil gereicht. Und Peter ergänzt: "Das klingt so absonderlich. Viele wissen nicht, dass es sich bei uns einfach nur um Aussiedler handelt - die aber einen ganz normalen Abiturabschluss haben."

Die Sonderseite mit Schülertexten zum Thema "Millennium" erscheint in den nächsten Tagen. Wir danken allen Schülern für die eingesandten Geschichten und Gedichte, Fotos und Cartoons. Das Thema für die nächste Sonderseite wird Anfang Januar bekanntgegeben.

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