Berlin : Klasse Start mit Tischkick und Reformen

41000 Kinder wurden am Sonnabend eingeschult. Ein Drittel von ihnen ist jünger als sechs Jahre

Sebastian Leber

Das Melden hat Leon schon raus: Einfach den Arm in die Luft strecken und dabei möglichst unruhig auf dem Stuhl herumrutschen. „Wie ein richtiger Grundschüler“ mache er das, sagt Klassenlehrerin Gudrun Franke. Leon ist eines von 41000 Berliner Kindern, die gestern Vormittag eingeschult wurden. Mit seinen fünf Jahren und neun Monaten ist er nur deshalb dabei, weil das Land Berlin das Einschulungsalter – deutschlandweit einmalig – mit einem Schlag von ehemals sechs Jahren um ein halbes Jahr herabgesetzt hat. Durch die Reform gibt es dieses Jahr 13000 Erstklässler mehr als üblich, überfüllte Klassenzimmer sind die Folge.

In Leons Klasse, der 1c der Mariendorfer Carl-Sonnenschein-Grundschule, werden nun 28 Kinder im Alter zwischen fünfeinhalb und knapp sieben Jahren unterrichtet. Klassenlehrerin Franke beobachtet „schon am ersten Tag ganz deutliche Unterschiede beim Entwicklungsstand“. Als die Kinder nach der Einschulungsfeier in ihre Klassenräume gehen und ein Bild von sich malen sollen, achten die älteren auf Details wie Zöpfe und Pullover-Aufdruck, die jüngeren zeichnen einen Kopf mit Beinen dran. Auch die Vorkenntnisse beim Lesen und Rechnen gehen weit auseinander: Yasemin addiert 100 plus 100, Jonas rattert das Alphabet hoch und runter, die Kleinsten können kaum ihren Vornamen schreiben. Leons Mutter Verena Knels ist trotzdem froh über die Neuregelung. Sie glaubt, dass ihr Sohn „locker mit den Älteren mithalten“ kann.

Auch Schulsenator Klaus Böger (SPD) ist mit den Reformen zufrieden. Gegenüber der Nachrichtenagentur dpa rief er alle Lehrkräfte und Erzieher auf, das „Neue gemeinsam zu verarbeiten und Geborgenheit zu bieten“. Die Herabsetzung des Einschulungsalters ist nicht die einzige Reform an Berlins Schulen: Bis auf wenige Ausnahmen stellen alle Grundschulen seit Anfang August ein Hortangebot mit Mittagessen bereit. Auch Leon wird an seiner Schule täglich bis 16 Uhr versorgt, obwohl er offiziell noch gar keinen Hortplatz hat: Bereits im Oktober vergangenen Jahres hatte seine Mutter einen Antrag gestellt, seitdem wartet sie trotz mehrmaliger Nachfrage beim Bezirksamt auf den Hortvertrag: „Die haben uns gesagt, dass wir die Füße stillhalten sollen.“ In den Hort geht ihr Sohn nur, weil der Schulleiter sagt, er werde kein Kind nach Hause schicken.

Die ersten Wochen im Hort beschreibt Knels als „improvisiert“. Die Mensa, in der die Kinder eigentlich ihr Mittagessen zu sich nehmen sollen, sei noch gar nicht gebaut. Und auch der Hort selbst hätte am Anfang nur „aus vier leeren Räumen“ bestanden. Es sei allein ein Verdienst der Erzieherinnen, dass schnell Spielzeug, ein Puppentheater und ein Tischkicker da waren. „Von Seiten der Verwaltung hat nicht viel geklappt“, sagt Verena Knels, aber dafür hätten sich die Erzieherinnen „umso mehr ins Zeug gelegt“. Den kleinen Leon freut’s: Vor allem vom Tischkick kann er nicht genug kriegen – auch wenn er gerade mal so auf das Spielfeld schauen kann.

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