Berlin : Klassenziel : Selbstbewusstsein stärken

In „Ottos Lernwerkstatt“ unterrichten die Lehrer in Teams und fördern jeden Einzelnen nach seinen Möglichkeiten. Für Heimatlose ist die Hauptschule eine Ersatzfamilie

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Von Claudia Keller

Schulen machen sich fit für die Zukunft – und der Tagesspiegel ist dabei. Nach dem schlechten Abschneiden Berlins bei der Pisa-Studie stellen wir Schulen vor, die mit viel Eigeninitiative und Kreativität nach neuen Konzepten suchen. Im 11. Teil unserer Serie besuchen wir die Hauptschule Nikolaus-August-Otto in Lichterfelde. Schon vor 14 Jahren hat das Kollegium ein neues Schulkonzept entwickelt: Die Lehrer unterrichten in Klassenteams und in thematischen Wochenblöcken. Die Lichterfelder sind stadtbekannt als „Ottos Lernwerkstatt“.

Die Schule: Es ist 11 Uhr, 14 Schüler einer neunten Klasse widmen sich der „Atmung“. Projektunterricht. Vier lesen einen Text, zwei blasen durch einen Schlauch Luft in ein Wasserbecken, andere testen, wie lange eine Kerze mit Sauerstoff brennt und wie lange mit ausgeatmeter Luft. „Hast du dein Ritalin genommen?“ fragt Lehrerin Eva Schmoll einen Jungen. Ein Mädchen beugt ihren Kopf auf ein Papier mit riesigen Buchstaben. Es ist fast blind. Fast jeder der 208 Schüler hat seine ganz eigene, meist sehr traurige Geschichte. Auch das Vorwissen ist sehr unterschiedlich und oft traurig. „Manche sind auf dem Niveau der zweiten Klasse, wenn sie hierher kommen“, sagt Uwe Duske, einer der Schulleiter. Sie können weder flüssig lesen noch schreiben.

Das Besondere: In einer Klasse sind maximal 19 Schüler. Sie werden während der vier Jahre durchgängig von den gleichen zwei Lehrern unterrichtet. „Lehrer müssen bei uns alles unterrichten können, nicht nur ihr studiertes Fach“, sagt Duske. Meistens teilen sich ein Lehrer mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt und einer mit Deutsch, Musik und Geschichte eine Klasse.

„Wir wollen unseren Schülern ein bisschen die Familie ersetzen“, sagt Eva Schmoll. Außerdem ist Kontinuität wichtig, damit die Lehrer die Schwächen und Stärken jedes Einzelnen kennen lernen. Nur so kann jeder so gefördert werden, dass er Erfolgserlebnisse hat. Denn das Unterrichtsziel Nummer eins steht in keinem Rahmenplan: die Stärkung des Selbstbewusstseins.

Die Unterrichtsstunden dauern 35 Minuten. Jeden Morgen geht es für alle mit Mathematik und Deutsch los. Danach wird gemeinsam gefrühstückt. Im Anschluss steht Englisch auf dem Stundenplan. Alle anderen Fächer werden in Projekten behandelt, drei Stunden täglich, bis 13 Uhr. Die Projekte wechseln von Woche zu Woche. Eine Woche lang geht es jeden Tag drei Stunden lang zum Beispiel um Erdkunde, dann eine Woche lang um Physik oder Musik. Die Lehrer sind überzeugt, dass die Schüler durch die Wochenblöcke leichter die Zusammenhänge verstehen. Wer will, kann nachmittags noch zwei Stunden in einer AG weitermachen. Die allermeisten wollen, denn von Fußball über die Rockband, den Schülerzirkus und die Computer-AG, bis zur Schafs-AG und zum Gärtnern bietet die Schule für jeden etwas.

Der Erfolg gibt den Lichterfeldern Recht: 90 Prozent schaffen den Hauptschulabschluss, ein Fünftel geht danach auf eine weiterführende Schule.

Schüler und Eltern: Es ist schon seltsam, auf einem Schulhof nur Schüler zu treffen, denen die Schule Spaß macht. „Hier ist es total geil“, sagt Silke Gartensleben. Die Neuntklässlerin hat einen Irokesenschnitt, ein Stachelband um den Hals und gepiercte Lippen. Benny Meier sagt mit verklärtem Blick: „Die Schule ist ganz wunderbar“, Kathi Scholz: „Alles ganz klasse“. Und auch die Elternvertreter schwärmen. Die Jugendlichen merken, dass sie den Lehrern nicht egal sind, sagt Birgit Glave, das spornt an. Ihr Sohn ist seit zwei Jahren auf der Schule, seitdem habe er keine Angst mehr. Um jeden Schüler werde gekämpft, die Lehrer setzten sich mehr als 100 Prozent ein. Besonders gut findet Glave die wöchentliche Bewertung der Jugendlichen. So gibt es keine bösen Überraschungen.

Die ideale Schule? Ja, aber: Die intensive Betreuung mit 40 Lehrern für 200 Schüler kostet Zeit, Energie und sehr viel mehr Geld, als eine normale Hauptschule verschlingt.

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